Die USA haben einen symbolischen Punkt auf dem Arbeitsmarkt erreicht: Im Juli 2026 entfielen 50,1 Prozent der Beschäftigten in den Nonfarm-Payrolls auf Frauen. Der Vorsprung ist minimal, historisch aber bemerkenswert. Anfang der 1990er Jahre hatten Männer noch fast sieben Millionen mehr solcher Arbeitsplätze als Frauen.
Indeed Hiring Lab wertet die Entwicklung als strukturelle Verschiebung. Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 sank die Zahl der von Männern gehaltenen Payroll-Jobs um etwa 142.000, während die Zahl der von Frauen gehaltenen Stellen um rund 298.000 stieg. Entscheidend ist dabei nicht nur die Beteiligung von Frauen, sondern die Frage, in welchen Branchen überhaupt neue Arbeit entsteht.
Gesundheitswesen, Bildung, soziale Dienste und andere Dienstleistungen spielten in der späten Phase des Nach-Pandemie-Arbeitsmarktes eine besonders wichtige Rolle. Im Juli kamen in privater Bildung und Gesundheit rund 25.000 Stellen hinzu, im Bereich Gesundheit und soziale Unterstützung 22.600. Das geschah in einem Monat, in dem die gesamte Nonfarm-Beschäftigung um 23.000 zurückging.
Die einfache Formel, wonach klassische Männerbranchen nur noch schrumpften, wäre trotzdem falsch. Das Baugewerbe gewann im Juli etwa 22.000 Stellen hinzu, die Industrie rund 5.000. Das US-Arbeitsministerium erwartet für die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe bis 2034 insgesamt nur geringe Veränderungen. Der Wandel betrifft also vor allem die relative Bedeutung von Branchen und die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen.
Für Deutschland und die Schweiz ist der US-Wert kein unmittelbar übertragbares Zukunftsbild. In der Europäischen Union lag die Beschäftigungsquote der Männer 2025 noch 9,6 Prozentpunkte über der der Frauen. In Deutschland zeigen die ersten Mikrozensus-Ergebnisse für 2025 bei den 15- bis 64-Jährigen eine Erwerbstätigenquote von 80,2 Prozent für Männer und 74,1 Prozent für Frauen.
Hinzu kommt ein weiterer Unterschied: Teilzeitarbeit ist in Europa weiterhin stark weiblich geprägt. EU-weit arbeiteten 2024 27,8 Prozent der beschäftigten Frauen in Teilzeit, aber nur 7,7 Prozent der Männer. Schon deshalb darf eine Annäherung bei der Zahl der Erwerbstätigen nicht automatisch mit einer Annäherung bei Arbeitszeit, Einkommen oder Karrierechancen gleichgesetzt werden.
Trotzdem ist der US-Mechanismus für den deutschsprachigen Raum relevant. Alternde Gesellschaften benötigen mehr Pflege, Gesundheitspersonal, Bildung und soziale Dienstleistungen. Wenn diese Bereiche stärker wachsen als Teile der Industrie, verändert sich auch hier die Geschlechterstruktur der Beschäftigung. Arbeitsmarktpolitik muss dann stärker darauf achten, Männer für Pflege- und Bildungsberufe zu gewinnen und gleichzeitig Frauen den Zugang zu technischen Berufen weiter zu erleichtern.
Auch die Familienebene zeigt, warum Schlagworte mit Vorsicht zu behandeln sind. Fortune sprach vom „stay-at-home boyfriend“ als neuem ökonomischen Trend. Die US-Payroll-Daten messen jedoch keine Hausarbeit. Pew Research Center zeigt vielmehr, dass 2025 bereits 52 Prozent der verschiedengeschlechtlichen Paare mit Kindern zwei vollzeitbeschäftigte Eltern hatten. 1975 waren es 31 Prozent.
Die häusliche Arbeit wurde dabei nicht spiegelbildlich neu verteilt. In Familien mit zwei Vollzeit arbeitenden Eltern sagen 52 Prozent, dass die Mutter mehr alltägliche Erziehungsaufgaben übernimmt; nur 10 Prozent nennen den Vater. Bei Hausarbeit ist das Muster ähnlich. Die Arbeitswelt wird also schneller ausgeglichener als die unbezahlte Arbeit zuhause.
Für Grenzregionen zwischen Deutschland und der Schweiz ist das besonders interessant, weil Fachkräfte mobil sind und Gesundheit, Pflege und soziale Dienste schon heute wichtige Arbeitgeber darstellen. Wenn sich die Nachfrage in diesen Bereichen weiter erhöht, werden Qualifikation, Anerkennung von Abschlüssen, Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuung stärker darüber entscheiden, wer Stellen besetzen kann.
Die US-Zahl von 50,1 Prozent ist deshalb weniger ein Modell zum Kopieren als ein Signal. Wirtschaftsstrukturen können traditionelle Geschlechterrollen verschieben, ohne dass Gesellschaften bewusst einen Rollentausch beschließen. Europa steht an einem anderen Punkt, aber dieselben Kräfte – Demografie, Dienstleistungswachstum und Fachkräfteknappheit – machen die Frage relevant, wie offen Berufe für beide Geschlechter tatsächlich sind.