Der Haussperling, vielen als Spatz vertraut, ist aus dem Stadtbild vieler deutscher Metropolen nahezu verschwunden. Biologen zufolge liegt die Zahl der Tiere heute rund 70 Prozent niedriger als noch vor fünf Jahren. Naturschützer schlagen seit Monaten Alarm und suchen nach den Gründen für den drastischen Rückgang.
Das Problem beschränkt sich nicht auf einzelne Regionen. Aus Metropolen wie London oder Amsterdam ist der Spatz nahezu komplett verschwunden, und auch in der freien Wildbahn sieht es kaum besser aus. Der Naturschutzbund spricht von einem rätselhaften Vorgang: «Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst.»
Wer den Verlust des Spatzes für belanglos hält, denkt zu kurz. Die Fauna ist ein komplexes und fein austariertes System der Arten und Gattungen. Verschwindet eine Tierart, fehlt etwas in der Natur – die Welt wird ärmer. Das betrifft nicht nur das morgendliche Stadtbild, wenn die Vögel ausbleiben, sondern auch ihren fröhlichen Gesang, der den Menschen kostenlose Konzerte bietet. Nur wenige Vogelarten halten es in proppenvollen, lauten Städten aus, der Spatz aber gehört dazu. Bleibt er weg, rücken nicht einfach andere Vögel nach.
Ornithologen hegen einen konkreten Verdacht: Eine Seuche könnte die Sperlingsbestände dezimiert haben. Wissenschaftler tippen auf Plasmodien, die Erreger der Vogelmalaria. Diese Krankheit ist so tückisch, wie sie klingt. Die Parasiten befallen die inneren Organe der Tiere und dringen in ihre roten Blutkörperchen ein, um diese zu zerstören. Mit geschwollener Milz und Leber, blutarm, geschwächt und appetitlos verenden viele Sperlinge.
Übertragen wird der Erreger durch Stechmücken – und die vermehren sich rasant, weil sie bei höheren Temperaturen schneller gedeihen. «Der Klimawandel begünstigt ihr Vorkommen», erklärt der Berliner Biologe Jörg Böhner. Die zunehmende Umweltverschmutzung und der klimabedingte Insektenschwund verschärfen die Lage zusätzlich.
Der Schwund des Haussperlings ist Teil einer breiteren Entwicklung, die Städte und Gemeinden in Südbaden ebenso betrifft wie Metropolen in ganz Europa. Der Spatz galt lange als kecker und zutraulicher Begleiter des Menschen. Sein Verschwinden aus Innenstädten, Parks und Fußgängerzonen fällt vielen Menschen erst jetzt auf – etwa beim Frühstück im Freien, wo die Tiere früher auf Reste warteten.
Naturschützer mahnen, den Verlust nicht als Randnotiz abzutun. Der Rückgang einer einst häufigen Art sei ein Warnsignal für die Gesundheit ganzer Ökosysteme. Stechmücken als Überträger der Vogelmalaria könnten sich mit steigenden Temperaturen weiter ausbreiten und damit auch andere Vogelbestände gefährden.
Fachleute fordern deshalb mehr Aufmerksamkeit für den Zusammenhang von Klimawandel, Insektensterben und Artenverlust. Wer in der Region aufmerksam durch Parks und Gärten geht, wird den Spatz vielerorts vergeblich suchen. Was früher selbstverständlich war, ist zu einer Seltenheit geworden.