Die Behauptung, Stack Overflow habe wegen künstlicher Intelligenz 98,5 Prozent seines gesamten Webtraffics verloren, ist in dieser Form falsch. Die dramatische Zahl gehört zu einer anderen Entwicklung: Die Zahl neuer Fragen ist vom historischen Höchststand um nahezu 99 Prozent gefallen.
2014 wurden auf Stack Overflow zeitweise mehr als 6.700 neue Fragen pro Tag gestellt. Im Mai 2026 waren es im Durchschnitt nur noch etwa 42. Das Archiv der Plattform wird weiterhin genutzt, doch der Zufluss neuen öffentlichen Wissens ist massiv geschrumpft. Studien zeigen, dass sich der Rückgang nach dem Start von ChatGPT beschleunigt hat.
Der Trend ist auch für Deutschland und die Schweiz relevant, weil sich die Suche selbst verändert. Nach einer repräsentativen Bitkom-Befragung nutzt in Deutschland bereits die Hälfte der Internetnutzer zumindest gelegentlich KI-Chats statt klassischer Suchmaschinen. Sieben Prozent suchen überwiegend über KI, fünf Prozent sogar ausschließlich. 2026 gaben zudem 41 Prozent der KI-Nutzer an, KI sei für sie bei fast allen Fragen die erste Anlaufstelle.
Damit verschiebt sich der Weg zur Information. Früher öffnete ein Nutzer mehrere Treffer, verglich Quellen und hinterließ durch seinen Besuch Reichweite beim jeweiligen Anbieter. Heute kann eine KI mehrere Seiten auswerten und eine zusammengefasste Antwort liefern, ohne dass der Nutzer die Ursprungsseiten jemals sieht.
Cloudflare beschreibt daraus entstehende wirtschaftliche Spannungen: KI-Crawler greifen in großem Umfang auf Webinhalte zu, während deutlich weniger Empfehlungsverkehr zu den Publishern zurückkommt. Similarweb schätzt die generativen KI-Dienste inzwischen auf durchschnittlich rund 9,5 Milliarden Webbesuche pro Monat zwischen Juni 2025 und Mai 2026.
Das bedeutet jedoch nicht, dass klassische Webseiten verschwinden. Stack Overflow selbst sagt, dass mehr als 80 Prozent der Entwickler die Plattform weiterhin regelmäßig besuchen. Auch das Design der KI-Produkte spielt eine Rolle: Nachdem ChatGPT im Mai 2026 Quellenlinks sichtbarer machte, stieg der Referral-Traffic laut Similarweb ungefähr auf das Dreifache.
Für deutschsprachige Medien, Foren und Fachportale entsteht damit eine neue Aufgabe. Sie müssen nicht nur auffindbar sein, sondern einen Wert bieten, den eine Zusammenfassung nicht vollständig ersetzt: überprüfbare Primärdaten, lokale Informationen, Fachautorität, persönliche Erfahrung und Verantwortung für Fehler.
Die offene Webökonomie stirbt also nicht, aber ihre alte Verteilung von Aufmerksamkeit wird neu geordnet. KI wird zur Eingangstür, während Webseiten zunehmend die Quellenebene im Hintergrund bilden. Entscheidend wird sein, ob diese Quellen genügend Sichtbarkeit, Geld und Motivation behalten, um weiterhin neues Wissen zu produzieren.