Die deutsche Industrie steht vor einer Herausforderung, wie sie das Land seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Zwar hat die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten jede wirtschaftliche Krise gemeistert und ihre industrielle Basis immer wieder erneuert. Doch diesmal reichen die bewährten Rezepte offenbar nicht aus. Das Land braucht nach Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein grundlegend neues Modell für seine Industrie.
Die Diagnose ist ernst: Der bisherige Erfolg beruhte auf einer Kombination aus technologischer Führerschaft, exportorientierter Produktion und vergleichsweise günstiger Energie. Diese Grundlagen geraten nun gleichzeitig unter Druck. Die Energiekosten sind nach dem Ende der russischen Gaslieferungen deutlich gestiegen. Internationale Wettbewerber haben technologisch aufgeholt. Und die geopolitische Lage zwingt Unternehmen, ihre Lieferketten neu zu ordnen.
Die Politik hat auf die veränderten Bedingungen bislang mit einer Mischung aus Subventionen, Förderprogrammen und Appellen reagiert. Ob das ausreicht, ist umstritten. Kritiker warnen, dass staatliche Hilfen allein keine wettbewerbsfähigen Strukturen schaffen. Befürworter verweisen darauf, dass der Umbau der Industrie Zeit braucht und ohne Unterstützung nicht zu bewältigen ist.
Für die Region Südbaden und den Landkreis Waldshut ist die Entwicklung von unmittelbarer Bedeutung. Zahlreiche mittelständische Betriebe sind in globale Lieferketten eingebunden und vom Maschinenbau über die Elektrotechnik bis zur Medizintechnik auf stabile Rahmenbedingungen angewiesen. Steigende Energiekosten und der Fachkräftemangel treffen diese Unternehmen besonders hart.
Die Debatte über die Zukunft der Industrie wird auch auf europäischer Ebene geführt. Die EU versucht mit dem Green Deal und einer neuen Industriestrategie, Standortbedingungen zu verbessern und gleichzeitig Klimaziele zu erreichen. Deutschland muss sich in diesem Rahmen neu positionieren.
Ob der Wandel gelingt, hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft der Unternehmen ab, in neue Technologien zu investieren. Einige Betriebe haben damit begonnen, ihre Produktion zu digitalisieren und auf klimafreundliche Verfahren umzustellen. Andere zögern angesichts unsicherer Rahmenbedingungen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Deutschland seine industrielle Basis halten kann. Klar ist: Ein «Weiter so» wird es nicht geben.