Die ukrainische Nationalpolizei geht in großem Umfang gegen mögliche Korruption im Mobilisierungssystem vor. Der kommissarische Polizeichef Maksym Tsutskiridze erklärte, 76 Leitern territorialer Rekrutierungs- und Sozialzentren auf unterschiedlichen Ebenen sei ein Verdacht mitgeteilt worden. Gleichzeitig prüfen die Ermittler die Umstände von fast 2.500 möglicherweise rechtswidrigen Zurückstellungen vom Militärdienst. Nach Tsutskiridzes Angaben wurden außerdem 6.500 rechtswidrige Entscheidungen militärärztlicher Kommissionen aufgehoben.
Die drei Zahlen betreffen unterschiedliche Teile des ukrainischen Systems. Die als TCC bezeichneten Rekrutierungszentren führen militärische Register und wirken an Mobilisierungsverfahren mit. Militärärztliche Kommissionen entscheiden über die gesundheitliche Tauglichkeit. Eine sogenannte Buchung oder Reservierung ist dagegen eine legale Zurückstellung für Beschäftigte, deren zivile Arbeit nach staatlichen Kriterien als kritisch gilt.
Deshalb ist die Formulierung zur Prüfung von fast 2.500 Fällen entscheidend. Die Polizei hat nicht erklärt, dass sämtliche Zurückstellungen bereits als illegal eingestuft oder aufgehoben worden seien. Auch die Mitteilung eines Verdachts gegen einen Amtsträger ist noch kein Schuldspruch. Über die strafrechtliche Verantwortung entscheidet am Ende ein Gericht.
Schon Ende Mai hatte die Nationalpolizei einen breiten Ermittlungsstand veröffentlicht. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 registrierten die Behörden 44 Strafverfahren wegen mutmaßlich rechtswidriger Tätigkeit von TCC-Beschäftigten; 65 Personen erhielten damals Verdachtsmitteilungen. In Verfahren gegen militärärztliche Kommissionen und neue Expertenteams wurden 123 Personen als Verdächtige genannt.
Zusätzlich wurden fast 80.000 Entscheidungen aus den Jahren 2023 bis 2026 zur Überprüfung weitergeleitet, weil sie möglicherweise zur rechtswidrigen Umgehung der Mobilisierung genutzt worden waren. Mehr als 10.000 Entscheidungen im breiteren medizinischen und gutachterlichen System waren bis Ende Mai aufgehoben worden, darunter 1.478 im laufenden Jahr.
Die neuen Angaben sind nicht einfach auf diese älteren Zahlen zu addieren. Die 76 beziehen sich ausdrücklich auf Leiter von TCC-Stellen verschiedener Ebenen. Die Mai-Statistik erfasste dagegen Beschäftigte und Amtsträger in einem bestimmten Zeitraum. Auch die 6.500 aufgehobenen Entscheidungen betreffen nach Tsutskiridzes Aussage konkret militärärztliche Kommissionen, während die frühere Gesamtzahl mehrere medizinische und gutachterliche Kategorien umfasste.
Ein wiederkehrendes Risiko ist der Zugang zum digitalen Militärregister Oberih. Im Februar wurden zwei TCC-Beamte in der Region Wolhynien beschuldigt, gegen Geld Daten verändert zu haben, damit ein Mann anschließend eine Zurückstellung erhalten konnte. Im Juni nahmen Ermittler in der Region Ternopil den Leiter einer TCC-Abteilung fest. Ihm wird vorgeworfen, 2.500 Dollar für die Löschung eines Fahndungsvermerks verlangt oder angenommen zu haben.
Für ein digitalisiertes Verwaltungssystem ist das ein grundsätzliches Problem. Elektronische Register machen Entscheidungen schneller und können Kontrolle erleichtern. Sie schaffen aber zugleich mächtige Zugriffsrechte. Wenn ein berechtigter Nutzer einen entscheidenden Status verändern kann, ohne dass die Änderung sofort auffällt, wird das Register selbst zum Korruptionsziel.
Für die Ukraine ist die Glaubwürdigkeit dieses Systems während des Krieges besonders wichtig. Der Staat muss Soldaten mobilisieren und zugleich bestimmte Beschäftigte in kritischen zivilen Funktionen halten. Eine legale Ausnahme ist daher Teil der Kriegswirtschaft. Eine gekaufte Ausnahme untergräbt dagegen die Akzeptanz der Regeln und verlagert die Belastung auf andere.
Die nächste Phase entscheidet sich vor Gerichten und in der Verwaltung. Ermittler müssen klären, welche der fast 2.500 Zurückstellungen tatsächlich rechtswidrig waren. Die Verfahren gegen einzelne TCC-Leiter müssen beweisfest werden. Und die Behörden werden zeigen müssen, ob sich Zugriffsrechte, Prüfpfade und automatische Kontrollen so verbessern lassen, dass eine manipulierte Eintragung nicht erst Monate später entdeckt wird.