Die Huthi-Miliz im Jemen hat in der vergangenen Woche fünf Angriffe auf verschiedene Flughäfen in Saudi-Arabien verübt. Dabei wurden nach Angaben der saudischen Behörden 20 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Der schwerste Angriff traf am Sonntag den Flughafen von Riad, wo ein bislang unbekanntes Geschoss in Terminal 4 einschlug und mindestens zwölf Menschen tötete sowie mehr als 300 weitere verletzte. Es war der tödlichste Zwischenfall in Saudi-Arabien seit einem Anschlag der Terrororganisation «Islamischer Staat» auf eine Moschee im Jahr 2015, bei dem 21 Menschen starben.
Die jüngste Eskalation steht im Zusammenhang mit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Das Regime in Teheran steht wegen der Seeblockade der US-Marine gegen iranische Häfen wirtschaftlich unter Druck. Um ihrer Schutzmacht Iran wieder Druckmittel an die Hand zu geben, starteten die Huthis Ende Juli ihrerseits eine Art Seeblockade gegen Saudi-Arabien und griffen wiederholt Schiffe mit Bezug zu dem Königreich an. Anfang September brachten die Huthis in einer Blitzoffensive die jemenitische Küste am Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle, der südlichen Einfahrt ins Rote Meer und einer der wichtigsten Wasserstraßen des Welthandels. Am 11. September legten sie mit einem Drohnenangriff auf eine Pumpstation tagelang die wichtige Ost-West-Pipeline lahm, über die Saudi-Arabien sein Öl über das Rote Meer statt über den Persischen Golf exportiert.
Die Regierung in Riad reagierte mit verstärkten Luftangriffen und unterstützte eine Gegenoffensive regierungstreuer jemenitischer Truppen, die vorige Woche einen Teil der Huthi-Stellungen am Bab al-Mandab zurückerobern konnten. Eine Entspannung des Konflikts ist jedoch nicht in Sicht. Stattdessen wird immer deutlicher, wie wenig Saudi-Arabien dem Eskalationspotenzial der Huthis entgegenzusetzen hat. Um die Miliz im Jemen dauerhaft in die Schranken zu weisen, fehlen dem Königreich die nötigen Kräfte am Boden. Mit Luftangriffen allein lassen sich die Milizionäre nicht dauerhaft aus ihren Stellungen vertreiben – eine Erfahrung, die auch die USA und Israel im Krieg gegen den Iran machen mussten.
Zugleich werden die Huthis immer effektiver in der asymmetrischen Kriegsführung. Der Iran hat die etwa 350.000 Mann starke Miliz in den vergangenen Jahren durch Wissenstransfer systematisch in die Lage versetzt, eigene Raketen, Kamikaze-Drohnen und Marschflugkörper herzustellen. Die Komponenten dafür liefert China. Dadurch sind die Huthis weniger abhängig von direkten Waffenlieferungen aus Teheran. Zuletzt nutzten die Huthis offenbar auch Künstliche Intelligenz der US-Firma Anthropic, um die Flugbahn ihrer Geschosse zu optimieren. Dies könnte ein Grund für die präzisen Treffer gegen Ziele in Saudi-Arabien sein.
Während die Huthis im Jemen die Schläge der Saudis und ihrer Verbündeten leicht wegstecken können, ist für die Regierung in Riad jeder Treffer einer zu viel. Im Gegensatz zum Jemen ist Saudi-Arabien eine international integrierte wirtschaftliche Großmacht. Verheerende Angriffe auf Ölanlagen und tödliche Anschläge auf Flughäfen schrecken Investoren ab und zerstören den Ruf des Landes als stabiler Standort. Berichte, wonach dem Land die Abfangraketen ausgehen und sich Kronprinz Mohammed bin Salman inzwischen nur noch zwischen stark befestigten Einrichtungen bewegt, dürften den Eindruck von Instabilität weiter verstärken.
Die Nahostexpertin Elisabeth Kendall von der Universität Cambridge rechnet mit einer weiteren Eskalation. Die jüngsten Angriffe könnten nur ein Vorgeschmack auf das Eskalationspotenzial der Huthis sein, erklärte sie. US-Präsident Donald Trump lehnt Angriffe auf die Huthis derzeit ab. Saudi-Arabien steht damit vor der Herausforderung, dem wachsenden militärischen Druck der Miliz ohne ausreichende eigene Bodenkräfte und mit begrenzter Unterstützung durch die USA zu begegnen.