Der Herbst zeigt derzeit zwei Gesichter: Tagsüber scheint die Sonne und die Temperaturen erreichen verbreitet noch 15 bis 20 Grad, nachts nähert sich das Thermometer dagegen mancherorts dem Gefrierpunkt. In der kommenden Woche könnte sich dieses Muster fortsetzen. Nach einem wechselhaften Wochenende setzt ab Montag eine Wetterberuhigung ein, die tagsüber noch einmal warme Werte bringt, während die Nächte zunehmend kälter werden. Erste Bodenfröste, stellenweise sogar Luftfrost, sind möglich.
Dieser starke Kontrast ist kein Widerspruch, sondern eine typische Besonderheit des Herbstes. Entscheidend ist, wie viel Energie der Boden tagsüber aufnimmt und nachts wieder abgibt. Bei ausreichend Sonnenschein erwärmt sich die Erdoberfläche und gibt einen Teil der Energie als Wärme an die darüberliegende Luft ab. Gelangt gleichzeitig milde Luft nach Deutschland, kann die Temperatur auch im Oktober noch deutlich steigen.
Nach Sonnenuntergang kehrt sich die Energiebilanz um: Der Boden gibt langwellige Wärmestrahlung ab und kühlt aus. Bei klarem Himmel kann ein großer Teil dieser Energie ins Weltall entweichen. Wolken wirken dagegen wie eine Decke und bremsen die Abkühlung. Hinzu kommen die längeren Nächte, in denen der Boden mehr Zeit hat, Wärme zu verlieren. Ist es zudem windschwach, wird die kalte Luft in Bodennähe kaum mit wärmerer Luft aus höheren Schichten durchmischt, sodass sich direkt über dem Boden eine besonders kalte Luftschicht bilden kann.
Hier kommt ein wichtiger Unterschied ins Spiel: Die offizielle Lufttemperatur wird an Wetterstationen in zwei Metern Höhe gemessen. Für Bodenfrost wird dagegen unter anderem die Temperatur in fünf Zentimetern Höhe über dem Erdboden betrachtet. Deshalb kann es in Bodennähe bereits unter null Grad kalt werden, während das Thermometer in zwei Metern Höhe noch drei, vier oder fünf Grad anzeigt. Von Luftfrost spricht man erst, wenn die Temperatur in zwei Metern Höhe unter den Gefrierpunkt sinkt. Tritt Luftfrost auf, ist in der Regel auch Bodenfrost vorhanden.
Wenn feuchte Luft auf kalte Oberflächen trifft, kann sich außerdem Reif bilden. Dabei geht Wasserdampf direkt in Eiskristalle über. Das erklärt, warum eine Wiese am Morgen weiß glitzern kann, obwohl die Lufttemperatur im Wetterbericht noch im positiven Bereich liegt.
Nicht jeder Ort kühlt nachts gleich stark aus. Besonders in Senken und Tälern kann sich kalte Luft sammeln, weil sie dichter ist als wärmere Luft. An Hängen und auf Anhöhen bleibt es unter passenden Bedingungen häufig milder. Auch Städte sind oft etwas wärmer als ihr Umland, da Gebäude, Straßen und gespeicherte Wärme die nächtliche Abkühlung bremsen. Wind und Wolken verändern die Lage ebenfalls: Eine geschlossene Wolkendecke hält einen Teil der Wärmestrahlung zurück, während stärkerer Wind die Luftschichten durchmischt. Beides erschwert eine ausgeprägte Abkühlung direkt am Boden.
Ob es in der kommenden Woche tatsächlich Frost gibt, ist jedoch nicht garantiert. Entscheidend wird sein, wo es aufklart, wie stark der Wind nachlässt und wie viel Wärme der Boden in der Nacht verliert. Der Herbst zeigt damit einmal mehr, warum ein Blick auf die Tageshöchsttemperatur allein nicht ausreicht, um die Wetterlage richtig einzuschätzen.