Der überraschende Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau gilt als deutliche Warnung an die russische Staatsführung. Nach Recherchen des «Wall Street Journal» warnte Ratcliffe die russische Spitze davor, Nato-Staaten anzugreifen. Anlass sind US-Geheimdienstanalysen, wonach Präsident Wladimir Putin die Entschlossenheit des Bündnisses testen könnte – etwa durch Cyberattacken, massive Sabotage oder einen «begrenzten Angriff» auf einen der baltischen Staaten.
Ein solcher begrenzter Angriff wäre die gefährlichste Form der Erpressung: groß genug, um die Nato zu demütigen, klein genug, um ihre Mitglieder in Streit zu stürzen. Die entscheidende Frage lautet, ob ein Cyberangriff auf ein Stromnetz als Bündnisfall gilt, ob Sabotageakte als Krieg zu werten sind und ob ein kleiner Einmarsch in estnisches, lettisches oder litauisches Gebiet bereits den Ernstfall darstellt. Genau diese Grauzone könnte ein Aggressor wie Putin ausnutzen, ohne eine Panzerkolonne Richtung Westen in Bewegung zu setzen.
US-Vertreter sehen dem Sender CBS zufolge die mögliche Logik darin, dass Putin nicht zwingend einen großen Krieg auslösen will, der ihn seine Macht oder gar das Leben kosten könnte. Vielmehr könnte er die Einheit der Nato und die Bereitschaft von US-Präsident Donald Trump zur Verteidigung der Verbündeten auf die Probe stellen. Die historische Parallele ist unübersehbar: Der letzte Moskau-Besuch eines CIA-Direktors vor Ratcliffe war jener von William Burns im November 2021. Damals warnte Washington den Kreml vor einem Angriff auf die Ukraine – drei Monate später befahl Putin die Vollinvasion.
Der Angriff auf die Ukraine war kein Ausrutscher, sondern entspricht Putins zynischer Methode: Gewalt als Außenpolitik, Terror gegen Zivilisten als Verhandlungsstrategie, Erschöpfung des Gegners als Kriegsziel. Seither zertrümmern russische Raketen ukrainische Städte, Energieanlagen und Verkehrswege. Offenbar versucht Putin, das Land vor dem Winter sturmreif zu schießen. Zugleich trägt die Ukraine den Krieg mit Drohnenangriffen und Anschlägen auf Offiziere zurück in die Tiefe Russlands. Das Regime in Moskau ist gefährlich, weil es brutal ist – und noch gefährlicher, weil es unter Druck steht.
Aus Sicht westlicher Regierungschefs könnte der Zeitpunkt einer Eskalation kaum heikler sein. Nach Waffenlieferungen an die Ukraine und dem Kriegszug gegen den Iran sind die amerikanischen Munitionsbestände geschrumpft. Auch das könnte in Putins Kalkül einfließen. Der Diktator muss nicht glauben, dass der Westen wehrlos ist. Es genügt, wenn er glaubt, der Westen sei müde, zerstritten, abgelenkt und im entscheidenden Moment zu langsam. Die Abschreckung der Nato-Länder zerbröselt nicht erst, wenn ihre Armeen zusammenbrechen – sie löst sich schon auf, wenn der Gegner den Eindruck gewinnt, dass Demokratien im Ernstfall lieber debattieren als handeln.
Deutschland entpuppt sich in dieser Lage als fahrlässig unvorbereitet. Zwar beschwört man hierzulande gern die Zeitenwende, umgesetzt wird die Aufrüstung jedoch in Zeitlupe. Statt die Wehrpflicht wieder einzusetzen, wurde ein freiwilliger Dienst eingeführt. Die Zivilverteidigung bleibt Theorie: Bunker fehlen, Logistik fehlt, Routinen fehlen – vor allem fehlt ein Konsens darüber, was der Kriegsfall in einem hochvernetzten, exportabhängigen Land bedeuten würde.
Ein Angriff auf Nato-Territorium würde kaum mit russischen Panzern am Brandenburger Tor beginnen. Er könnte mit lahmgelegten Stromleitungen, sabotierten Mobilfunknetzen, Sprengstoffanschlägen auf Flughäfen und einer in Schockstarre gelähmten Bevölkerung beginnen. Der Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen, die Warnungen aus Sicherheitskreisen und Ratcliffes Reise nach Moskau ergeben zusammen ein Muster. Politiker haben die Aufgabe, Muster zu erkennen, bevor diese sich in Katastrophen verwandeln. Wer erst handelt, wenn alle Zweifel ausgeräumt sind, hat in Sicherheitsfragen schon verloren.