Das Filmstudio Neon hat seine Strategie für die kommende Oscar-Saison festgelegt und schickt Luca Guadagninos neuen Film «Artificial» ins Rennen. Wie das Branchenmagazin Variety exklusiv berichtet, wird Andrew Garfield in der Kategorie Bester Nebendarsteller antreten, während Yura Borisov als Hauptdarsteller geführt wird. Die Entscheidung fällt zu einem Zeitpunkt, an dem der Film gerade erst seine Weltpremiere beim New York Film Festival gefeiert hat und bereits für Gesprächsstoff sorgt.
«Artificial» erzählt die Ursprungsgeschichte von OpenAI und beleuchtet den Aufstieg von Sam Altman, dem Mitbegründer und heutigen CEO des Unternehmens. Andrew Garfield verkörpert Altman in einer Darstellung, die von Kritikern als «chilling» beschrieben wird. Regie führt Luca Guadagnino, der für seine stilprägenden Arbeiten bekannt ist. Der Film entstand unter dem Dach von Amazon MGM Studios, wurde jedoch nach einer Entscheidung des Studios an andere Verleiher weitergegeben, bevor Neon schließlich zugriff.
Die Parallelen zu Garfields früherer Karriere sind bemerkenswert: Vor sechzehn Jahren spielte er in «The Social Network» den Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin, der aus dem von ihm mitaufgebauten Unternehmen gedrängt wurde. Damals ging er in der Nebendarsteller-Kategorie leer aus. Nun verkörpert er einen CEO, der aus OpenAI gedrängt wurde – und sich fünf Tage später zurück an die Spitze verhandelte. Eine andere Figur, eine andere Zeit, aber ein ähnlich gelagertes Machtdrama.
Garfield selbst hat sich intensiv auf die Rolle vorbereitet. Er berichtete, monatelang «Tag für Tag» Material über Altman studiert zu haben, um seine eigene Version der Figur zu finden. Sein Urteil über den OpenAI-Chef fällt dabei alles andere als schmeichelhaft: Er beschreibt Altman als berechnend, manipulativ und nihilistisch. Die Verantwortung, eine solche Persönlichkeit zu spielen, empfinde er als schwer, so Garfield. Der Film zeichne das Bild eines charismatischen Anführers, der «unsere Autonomie, Macht und Daten» absorbiere.
Die Besetzung von Yura Borisov in der Hauptrolle ist ebenfalls bemerkenswert. Der russische Schauspieler hatte in der vergangenen Saison für seine Leistung in «Anora» bereits große Aufmerksamkeit erhalten und war für einen Oscar nominiert. Nun wird er als Hauptdarsteller in einem Film positioniert, der sich kritisch mit der Tech-Industrie und ihren Führungspersönlichkeiten auseinandersetzt. Die Entscheidung, Garfield als Nebendarsteller zu führen, könnte taktisch klug sein, da die Kategorie in diesem Jahr als besonders umkämpft gilt.
Der Film behandelt auch die Rolle von Ilya Sutskever, einem der Schlüsselkreativen hinter OpenAI. Die Handlung dreht sich um die Gründung des Unternehmens, seine interne Machtdynamik und die Frage, wie viel Kontrolle Einzelne über Technologien haben sollten, die die Gesellschaft grundlegend verändern. Kritiker beschreiben «Artificial» als einen Film, der das Publikum «sehr ängstlich» zurücklassen könne – ein deutliches Zeichen dafür, dass Guadagnino nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählt, sondern auch die Schattenseiten der KI-Revolution thematisiert.
Neon hat sich in den vergangenen Jahren als wichtiger Player in der Oscar-Landschaft etabliert und setzt nun offenbar darauf, mit «Artificial» sowohl in den Darstellerkategorien als auch in den technischen Gewerken Aufmerksamkeit zu erregen. Die Kampagne startet zu einem frühen Zeitpunkt der Saison, was auf ein selbstbewusstes Vorgehen des Verleihs hindeutet. Ob sich die Strategie auszahlt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn die ersten Vorläuferpreise vergeben werden.
Für das junge Publikum ist der Film insofern relevant, als er Fragen aufwirft, die die digitale Generation unmittelbar betreffen: Wer kontrolliert die künstliche Intelligenz, die zunehmend unseren Alltag prägt? Und welche Verantwortung tragen die Menschen, die diese Systeme entwickeln? «Artificial» scheint diese Debatte auf die Leinwand zu bringen – mit einem Hauptdarsteller, der seinen Frieden mit der Figur, die er spielt, nicht gemacht hat.