Die USA haben ihre Unterstützung für die Ukraine in einer militärisch kritischen Phase offenbar deutlich eingeschränkt. Nach ukrainischen Angaben hat die US-Regierung die Nutzung des militärischen Satellitennetzwerks Starshield, einer Variante des Starlink-Systems, überraschend gedrosselt. Ukrainische Drohnen hätten bei hohen Fluggeschwindigkeiten ihre Satellitenverbindung verloren, Einsätze an der Front hätten abgebrochen werden müssen, hieß es aus Kiew. Die Einschränkungen seien ohne Vorwarnung erfolgt.
Zugleich sind nach diesen Angaben US-Warnungen vor russischen Raketenangriffen auf Kiew ausgefallen. Die Ukraine ist bei der Früherkennung solcher Angriffe auf amerikanische Satelliten- und Geheimdienstaufklärung angewiesen. Diese Frühwarnsysteme verschaffen der ukrainischen Luftverteidigung und der Bevölkerung mitunter entscheidende Minuten, um Angriffe abzuwehren oder sich in Sicherheit zu bringen. Gerade jetzt, da Russland seine Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur massiv ausgeweitet hat, kann der Ausfall dieser Daten Menschenleben kosten. Allein die Bombardements am vergangenen Wochenende unterbrachen die Stromversorgung von einer halben Million Haushalte.
Die Verantwortung für die Einschränkungen wies zunächst niemand übernehmen zu wollen. Der US-Milliardär Elon Musk, Chef des hinter Starshield stehenden Unternehmens SpaceX, verwies auf die US-Regierung, die die Systeme kontrolliere. Auch US-Präsident Donald Trump und Außenminister Marco Rubio bestritten, die Ukraine von lebenswichtigen Datenflüssen abgeschnitten zu haben. Die USA würden weiterhin Geheimdienstinformationen liefern, erklärte Trump. Eine Recherche des «Wall Street Journal» kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die Anweisung zur Drosselung direkt von Musk stammte. Zugleich habe das Weiße Haus den Druck hinter den Kulissen massiv erhöht, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters: Die Regierung habe der Ukraine damit gedroht, die Warnungen vor Raketenangriffen auszusetzen, sollte Kiew weiterhin russische Energieanlagen angreifen.
US-Vizepräsident JD Vance räumte den Streit mit der Ukraine inzwischen öffentlich ein. «Ich denke, sie sollten aufhören, russische Energieanlagen zu bombardieren», sagte Vance in einem Interview und verwies auf steigende Energiekosten für die Amerikaner. Die Ukraine hatte zuletzt ihre Gegenangriffe auf die russische Ölinfrastruktur verstärkt. Am Wochenende führte das ukrainische Militär einen seiner bislang größten Luftangriffe auf Russland aus: Mehr als 1.000 Drohnen bombardierten russische Öldepots und Warenlager. Die russischen Ölexporte sind trotz internationaler Sanktionen weiterhin eine wichtige Einnahmequelle für die Kriegskasse des Kreml.
Die Kehrtwende der USA fällt in eine Phase, in der Trump ohnehin eine widersprüchliche Linie gegenüber Moskau verfolgt. Noch im September hatte er den Druck auf Russland erhöht. Vor wenigen Tagen lockerte er jedoch die Sanktionen gegen russischen Diesel, um die Preise an US-Zapfsäulen zu drücken. Zugleich verschärfte er seine Rhetorik gegen den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj: «Ich glaube, es ist Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt», sagte Trump. Beobachter sehen darin den Versuch, vor den anstehenden US-Zwischenwahlen innenpolitisch zu punkten. Kiew beklagt zudem Verzögerungen bei der Lieferung von Patriot-Raketen, die europäische Staaten bereits bezahlt haben. Diese Abfangraketen werden dringend benötigt, um sich vor russischen ballistischen Raketen zu schützen. Das Verhältnis zwischen der Ukraine und den USA ist damit auf einem neuen, gefährlichen Tiefpunkt angelangt.
In der deutschen Politik stößt die Entwicklung bislang auf wenig öffentlichen Widerstand. Bundeskanzler Friedrich Merz, der als Außenpolitiker einst eindringlich vor einem Zusammenbruch der US-Hilfen gewarnt hatte, konzentriert sich inzwischen auf die innenpolitischen Baustellen der Koalition. Während in Berlin über Reformstreit, ein mögliches Linksbündnis und den Rücktritt einer Ministerin debattiert wird, gerät aus dem Blick, was zwei Flugstunden östlich von Berlin geschieht. Die russische Invasionsarmee kommt im Donbass seit Jahren kaum voran, doch Putins Kriegsstrategen setzen verstärkt auf die Zerstörung ukrainischer Städte. Dass ausgerechnet in dieser kritischen Phase die US-Regierung der Ukraine in den Rücken fällt, dürfte die europäischen Verbündeten vor neue Herausforderungen stellen.