Die westliche Welt steckt in einer Krise – und die Politologin Juliane Marie Schreiber sieht dafür auch einen kulturellen Grund: In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zähle oft der starke Auftritt mehr als die Substanz. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal t-online wirft die Autorin des Buches „Wir sind Dynamit“ einen kritischen Blick auf eine „Welt der Selbstdarstellung“, in der Lautstärke regelmäßig mit Kompetenz verwechselt werde.
Schreiber, die sich in ihrer Arbeit mit Persönlichkeitsforschung beschäftigt, beobachtet eine zunehmende „Extrovertisierung“ nahezu aller Lebensbereiche. Diese Entwicklung habe tiefgreifende Folgen: „Oftmals zählen vor allem der Auftritt eines Menschen und die entsprechende Wirkung dieses Auftritts. Was zu wenig zählt, ist leider die Substanz dessen, was ein Mensch sagt und tut“, erklärte sie. Als schlagenden Beweis für diese Fehlentwicklung nennt sie den früheren US-Präsidenten Donald Trump, dessen politischer Stil aus ihrer Sicht vor allem von Inszenierung geprägt sei.
Als Ursache für die Fixierung auf Äußerlichkeiten macht die Politologin den Wandel hin zu einer digitalen Dienstleistungsgesellschaft aus. Immer weniger Menschen verkauften konkrete Produkte, sondern abstrakte Ideen wie Beratung oder Betreuung. Dabei komme es weniger auf „innere Werte“ als auf den „äußeren Auftritt“ an. Die sozialen Medien hätten diesen Trend zusätzlich verstärkt und Extrovertierten „goldenen Boden“ beschert. Das grundlegende Problem bestehe darin, dass der glänzende Auftritt stellvertretend für die Qualität des Gesagten wahrgenommen werde: „Wer sich gut präsentiert, wer gut ‚rüberkommt‘, hat aber in der Realität noch längst nicht etwas Sinnvolles oder Konstruktives zu sagen.“
Introvertierte Menschen – Schreiber nennt sie bewusst „Innenmenschen“ – hätten in dieser Umgebung das Nachsehen. Dabei sei dies nicht nur ungerecht, sondern ein gesellschaftlicher Verlust. Innenmenschen schöpften ihre Kraft aus Gedanken und Ideen, nähmen sich mehr Zeit für Reflexion und Analyse und sähen die Welt oft komplexer. „Wer viel redet, hat wohl etwas zu sagen: Das ist der große Irrtum unserer Zeit“, so die Politologin. Der Umkehrschluss, dass stille Menschen nichts zu sagen hätten, sei schlicht falsch.
Besonders kritisch bewertet Schreiber die Mechanismen der sozialen Medien. Die Algorithmen der großen Plattformen seien darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit der Nutzer dauerhaft zu binden, nicht aber, zum Nachdenken anzuregen. „Im Grunde geben wir dort die gedankliche Autonomie ab. Wir steuern nicht, wir werden gesteuert“, warnte sie und sieht darin ein großes Risiko für die Demokratie. Innenmenschen seien gegen diese Vereinnahmung tendenziell besser gewappnet, da sie eher darauf trainiert seien, sich abzuschotten.
Das Phänomen der Extrovertiertheit sei dabei keineswegs universell. Während in westlich geprägten Gesellschaften lautes Auftreten oft positiv bewertet werde, sei Extroversion in zahlreichen asiatischen Ländern negativ konnotiert und werde dort als Form von Aggression oder mangelndem Respekt empfunden. In Deutschland hingegen werde extrovertiertes Verhalten bereits bei Kindern gefördert, etwa in Kitas und Grundschulen, wo das stille, zurückgezogene Kind eher misstrauisch beäugt werde als das laute.
Schreiber plädiert angesichts globaler Krisen und Kriege für eine Rückbesinnung auf andere Tugenden. Die Welt brauche besonnene Politiker, doch sie habe Donald Trump – ein Symptom einer Zeit, die den schnellen Effekt belohne. Ihr Buch versteht sie als „Manifest für eine andere Art, in der Welt zu sein“. Es sei ein großer Verlust, wenn die Fähigkeit zur stillen Reflexion in Politik und Wirtschaft systematisch unterbewertet werde.