Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nach den ersten Hochrechnungen mit großem Abstand gewonnen. Die erste Hochrechnung vom Wahlabend sah die Partei bei 44,1 Prozent, die CDU bei 18,5 Prozent. Damit hat sich das Kräfteverhältnis gegenüber 2021 nahezu umgekehrt: Damals lag die CDU mit 37,1 Prozent klar vorn, während die AfD 20,8 Prozent erreichte.
Politisch ist das Ergebnis eine Zäsur. Die AfD gewinnt erstmals eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und erzielt nach der ARD-Prognose ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Frage offen, ob sie daraus Regierungsgewalt ableiten kann. Die frühen Hochrechnungen sichern ihr keine absolute Mehrheit. Die anderen etablierten Parteien haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen oder halten an der politischen Brandmauer fest.
Das macht die Regierungsbildung ungewöhnlich schwierig. Der Landtag hat regulär 83 Sitze, kann durch Überhang- und Ausgleichsmandate aber größer werden. Entscheidend ist deshalb nicht nur der Prozentwert der AfD, sondern die endgültige Sitzverteilung. Das vorläufige amtliche Ergebnis wird erst in der Nacht zum 7. September oder am frühen Morgen erwartet.
Die historische Dimension des Wahlergebnisses liegt nicht darin, dass Deutschland damit automatisch zur Ideologie des Dritten Reiches zurückgekehrt wäre. Ein solcher Vergleich würde die Unterschiede zwischen der nationalsozialistischen Diktatur und der heutigen Bundesrepublik verwischen. Deutschland verfügt weiterhin über eine pluralistische Verfassungsordnung, freie Wahlen, unabhängige Gerichte und föderale Machtbegrenzung. Die Abstimmung betrifft zudem ein einzelnes Bundesland und ist kein gesamtdeutsches Referendum über die politische Ordnung.
Trotzdem ist der Hinweis auf die Nachkriegsgeschichte nicht bloß Rhetorik. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den AfD-Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Behörde begründet dies unter anderem mit Angriffen auf Menschenwürde und Demokratieprinzip sowie einem ethnisch definierten Volksbegriff. Im Verfassungsschutzbericht 2025 wird außerdem das Regierungsprogramm der Landespartei zitiert, das eine Wende in der deutschen Erinnerungspolitik fordert und von einer „stabilen Nationalidentität“ spricht.
Damit wird Sachsen-Anhalt zu einem Test für die politischen Sicherungen, die sich in Deutschland nach 1945 entwickelt haben. Sollte die AfD eines Tages tatsächlich eine Landesregierung führen, wäre dies die erste von einer weit rechts stehenden Partei geführte Landesregierung in der Bundesrepublik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am Wahlabend ist diese Schwelle jedoch noch nicht überschritten.
Auch die Ursachen des Erfolgs sind breiter als eine reine Ideologiefrage. Vor der Wahl spielten Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, Sorgen um Wirtschaft und Preise, Migration, Bildung und ein tiefes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen eine große Rolle. Die ARD-Analyse zeigt zudem, dass die AfD in der Prognose nicht nur bei einer einzelnen Alters- oder Geschlechtergruppe vorn lag.
Für Deutschland und seine Nachbarn ist deshalb weniger die Formel von einer „Rückkehr nach rechts“ entscheidend als die konkrete Verschiebung politischer Macht. Sachsen-Anhalt zeigt, wie weit eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Landespartei in einer demokratischen Wahl wachsen kann. Ob daraus auch Regierungsverantwortung entsteht, hängt nun von der endgültigen Sitzverteilung und den Entscheidungen der übrigen Parteien ab.