Der japanische Spieleentwickler Yoko Taro, bekannt als Schöpfer der NieR- und Drakengard-Reihen, hat offen über seine berufliche Zukunft gesprochen und dabei überraschende Einblicke in seine Motivation gegeben. Auf einem Kulturfestival in Tokio sagte er, dass er mit der Arbeit eigentlich abgeschlossen habe und nicht mehr weitermachen wolle. Nur die Angst vor einer Demenz im Alter und die Notwendigkeit eines Einkommens hielten ihn davon ab, sich endgültig zurückzuziehen.
Taro äußerte sich während einer Gesprächsrunde mit Keisuke Okabe, dem Regisseur der Spiele Ender Lilies und Ender Magnolia, beim zehnten Mosaic-Videospielkulturfestival, das im vergangenen Monat am Tokyo French Institute stattfand. Auf die Frage nach aktuellen Projekten oder Plänen für ein neues Spiel antwortete er laut dem japanischen Medium Denfaminicogamer mit den Worten, es gebe «nichts wirklich», und bekannte: «Ich bin mit der Arbeit fertig. Ich will nicht mehr.»
Der Entwickler erklärte, er habe sein Lebensziel bereits vor seinen gefeierten Titeln wie NieR Automata erreicht. Sein erstes Spiel als Regisseur war 2003 Drakengard für die PlayStation 2, in Japan als Drag-on Dragoon bekannt. «Mit Drakengard, dem ersten Spiel, bei dem ich Regie führen durfte, konnte ich fast alles so umsetzen, wie ich es wollte», sagte er. Er habe ein Spiel veröffentlichen können, das «das Beste repräsentierte, was ich damals leisten konnte». Als Spiele-Fan sei es der Traum, etwas zu veröffentlichen, das man schon immer habe erschaffen wollen. «Nachdem ich diesen Traum erreicht habe, betrachte ich alles danach als den Rest meines Lebens», so Taro.
Weiter gab er zu, dass er nur weitergearbeitet habe, weil er ohne Einkommen in Schwierigkeiten geraten wäre. Zuletzt habe er über einen Ruhestand nachgedacht, da seine Ersparnisse und seine Rente ausreichen würden. Doch die Furcht, im Alter an Demenz zu erkranken, halte ihn davon ab. Er habe von Menschen gehört, bei denen die Erkrankung nach dem Ruhestand diagnostiziert worden sei, und genau diese Angst motiviere ihn weiterzumachen. In schwierigen Arbeitssituationen sage er sich deshalb: «Das ist gut zur Vorbeugung gegen Demenz.»
Zur Zukunft der japanischen Spielebranche äußerte sich Taro gewohnt schnoddrig. «Ich werde bald sterben, also ist es mir wirklich egal, was mit Japans Spieleindustrie passiert», sagte er. Zugleich räumte er ein, dass KI und verschiedene Technologien inzwischen ein Umfeld geschaffen hätten, in dem Kreative in ihren Teenagerjahren und mit Anfang 20 frei arbeiten könnten. Er selbst sei heute 56 Jahre alt. Als Menschen seines Alters jung gewesen seien, habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben, um ein Spiel zu machen: entweder «einer Spielefirma beizutreten» oder «ein Nischenspiel für den PC zu entwickeln». Für ein 3D-Spiel habe man zwingend zu einem Unternehmen gehen müssen.
Die Optionen für angehende Entwickler hätten sich seither erheblich erweitert, was jedoch unweigerlich zu härterem Wettbewerb führe. «Ich denke, dieser Wettbewerb wird sich nach und nach wie ein Feuer von den jüngeren auf die älteren Entwicklergenerationen ausbreiten», sagte Taro. Da er selbst schon älter sei, sei er «einfach voller Angst und Beklommenheit» und hoffe, dass diese Flammen ihn nicht vor seinem Tod erreichten.
Auf die Frage nach anderen Spielen und seiner Motivation erklärte Taro, er sei nicht wirklich eifersüchtig auf andere Spiele. Wenn er etwas Gutes sehe, betrachte er es aus der Perspektive eines Fans. Das wecke seinen Sammlerinstinkt, und er wolle alles kaufen. «Ich habe immer in der Spielebranche mit der Einstellung gearbeitet, Lücken zu füllen», sagte er. Spiele wie ICO oder Ikaruga seien so perfekt gewesen, dass er gedacht habe, in diesen Genres keine Spiele machen zu müssen. Das sei keine Eifersucht, sondern das Gefühl: «Diese Lücke ist bereits gefüllt, also muss ich eine andere füllen.» Er glaube, dass seine Spiele gerade deshalb «rohe Spiele voller schrecklicher Dinge» seien, weil die Pioniere bereits alle schönen Aspekte besetzt hätten.
Seit NieR Reincarnation und dem Remake von NieR Replicant im Jahr 2021 hat Taro an der Voice-of-Cards-RPG-Reihe und dem Mobile-Titel 404 GAME RE:SET von 2024 gearbeitet. Derzeit schreibt er an einer noch unbetitelten Neon-Genesis-Evangelion-Fernsehserie, für die der NieR- und Drakengard-Komponist Keiichi Okabe die Musik beisteuert. Fans warten weiterhin auf eine echte Fortsetzung von NieR, doch bislang wurde nichts angekündigt. Im November vergangenen Jahres hatte der Entwickler gesagt, er habe an verschiedenen Projekten gearbeitet, die jedoch immer wieder abgesagt worden seien. Viele seiner Vorhaben seien mitten in der Entwicklung eingestellt worden, ohne das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken.