Europa will technologisch unabhängiger werden. Das klingt nach Rechenzentren, Halbleitern und ziemlich viel Brüssel. Für junge Nutzer zeigt sich die eigentliche Abhängigkeit aber viel einfacher: Welche Apps öffnest du direkt nach dem Aufwachen?
Die EU steckt Milliarden in eine neue technologische Infrastruktur. Das 2026 vorgestellte Souveränitätspaket umfasst Chips, Cloud, KI, Open Source und digitale Energie-Infrastruktur. Ende Juli kam die Ausschreibung für bis zu sieben AI Gigafactories dazu. Bis zu zehn Milliarden Euro öffentliche Gelder sollen mindestens 20 Milliarden Euro private Investitionen anziehen.
Dafür gibt es gute Gründe. Europa hängt bei mehr als 80 Prozent wichtiger digitaler Produkte, Dienste, Infrastrukturen und Rechte von Anbietern außerhalb der EU ab. Beim Cloud-Markt kontrollieren drei nicht-europäische Hyperscaler mehr als 70 Prozent.
Doch selbst wenn Europa diese Lücke verkleinert, bleibt ein anderer Teil des Netzes fest verteilt: der Alltag. Die EU selbst zählt TikTok, Facebook, Instagram und LinkedIn zu den besonders mächtigen sozialen Netzwerken. WhatsApp und Messenger gehören zu den Gatekeeper-Messengern, YouTube zur Gatekeeper-Videoplattform.
Wie tief diese Gewohnheiten sitzen, zeigen die Zahlen. 2025 nutzten 82 Prozent der EU-Bevölkerung zwischen 16 und 74 Jahren Instant Messaging. 67 Prozent nutzten soziale Netzwerke. Bei den 16- bis 29-Jährigen lag die Nutzung sozialer Netzwerke bei 89,3 Prozent.
Instagram kam in der zweiten Hälfte 2025 auf rund 288,7 Millionen durchschnittlich monatlich aktive Empfänger in der EU, Facebook auf etwa 263 Millionen und TikTok auf rund 178 Millionen. Die Gruppen überschneiden sich, aber die Größenordnung ist eindeutig.
Der ausführliche Hintergrund bei The Bizzi Route nennt genau das Europas fehlenden „User Layer“: Der Kontinent baut den Maschinenraum, kontrolliert aber nicht automatisch die Plattform, auf der Menschen tatsächlich miteinander leben.
Warum ist das so schwer zu ändern? Weil ein Messenger kein normales Produkt ist. Eine neue App kann technisch besser sein und trotzdem scheitern, wenn deine Familie, Klasse, Uni-Gruppe und Freunde nicht dort sind. Das Produkt ist nicht nur die Software. Das Produkt ist das Netzwerk.
Deshalb könnte ein eher unspektakuläres EU-Instrument besonders wichtig werden: Interoperabilität. Der Digital Markets Act verpflichtet große Messenger, Schnittstellen für alternative Anbieter zu öffnen. Die Kommission sagt, dass dadurch bereits neue Dienste auf den Markt gekommen sind.
Für Nutzer bedeutet das langfristig: Man könnte einen anderen Messenger wählen, ohne den Kontakt zu Menschen auf WhatsApp oder Messenger zu verlieren. Genau das würde den sozialen Preis eines Wechsels senken.
Ob daraus wirklich große europäische Apps entstehen, ist offen. Aber Europas Digitalpolitik wird erst dann im Alltag ankommen, wenn Souveränität nicht nur bedeutet, wo Chips produziert werden und Server stehen, sondern auch, welche App du freiwillig öffnest.