Kiew versucht, den Alltag inmitten täglicher russischer Drohnenangriffe mit einem neuen Ampel-System für Luftalarme zu organisieren. Seit Anfang September gilt in der ukrainischen Hauptstadt eine Regelung, die bei Alarmstufe Gelb einzelne Drohnen in der Luft meldet, während bei Rot ballistische Raketen oder Drohnenschwärme die Stadt bedrohen und Schutzräume aufgesucht werden müssen. Das System soll verhindern, dass die Millionenstadt am Dnipro bei jedem Alarm vollständig zum Stillstand kommt.
Bei gelbem Alarm müssen Betriebe nicht schließen, doch U-Bahnstationen werden zu Schutzräumen, Schulen unterbrechen den Unterricht und Kinder begeben sich in Bunker oder in die Metro. Die Stadt ist seit Beginn der Großinvasion 2022 immer wieder aus der Luft beschossen worden, war aber besser geschützt als Charkiw oder Odessa. Bürgermeister Vitali Klitschko sagt, der Feind habe seine Angriffe verstärkt.
Die russische Armee setzt zunehmend schnelle Kampfdrohnen mit Düsenantrieb ein. Gegen den Typ Geran-5 hat die ukrainische Flugabwehr noch kein Gegenmittel, und Munition gegen ballistische Raketen ist knapp. Zudem greifen die Drohnen fast den ganzen Tag an, nicht mehr nur nachts. Am vergangenen Freitag gab es zehn Alarme über insgesamt fast neun Stunden, mehrere Einschläge und Brände, sieben Tote und 59 Verletzte. Am Sonntag dauerte der Alarm mehr als 18 Stunden, drei Menschen starben und ein Dutzend wurde verletzt. Ein demobilisierter Armeeoffizier sagt, in Kiew finde kein Krieg statt, sondern Terror und Mord an der Zivilbevölkerung.
Die Angriffe richten sich zunehmend gegen Einrichtungen des täglichen Lebens. In Kiew wurden Baumärkte, Lebensmittel- und Kühllager, Arzneimittelfabriken sowie Datenzentren für Telefon und Internet beschossen. Ein Lager für Haustierbedarf wurde zerstört. Ein neues Ziel sind Tankstellen. Ein Tankwart im Stadtteil Obolon sagt, er sei nervös, und beobachtet, dass Kunden keine Pause mehr einlegen: tanken, zahlen, schnell weg. Wenn Drohnen über Kiew seien, mache man dicht. Seine Tankstelle ist noch heil, doch Kollegen 200 Meter entfernt hatten weniger Glück. Zwei Shahed-Drohnen hätten angegriffen, eine habe das Ziel verfehlt. An einer anderen Tankstelle des Staatskonzerns Ukrnafta ist das Dach beschädigt, Holzplatten ersetzen Glasscheiben, der Betrieb läuft wieder.
Mitte August zerstörten Luftangriffe den Kiewer Bücherbasar Petriwka. Viele Tausend Bücher verbrannten. Die Ukrainer verstehen das als Angriff auf ihre Kultur, selbst wenn dort auch russische Bücher zu kaufen waren. Nur die Ladenreihen auf der anderen Straßenseite sind noch geöffnet. Eine Händlerin sagt, sie hätten Glück gehabt, dass das Feuer nicht übergesprungen sei. Viele Kolleginnen und Kollegen seien ruiniert. Sie bestelle nicht so viel nach, um nicht ebenfalls alles zu verlieren.
Die Versorgung in Kiew ist nicht grundsätzlich gefährdet, es gibt höchstens Lücken. Olha Rudenko, Chefredakteurin des Portals Kyiv Independent, berichtete, sie habe ein gängiges Medikament in mehreren Apotheken nicht bekommen. Wiederholt wurde das Pharmawerk im östlichen Stadtteil Darnyzja beschossen, was die Kiewer Möglichkeit einschränkt, Arzneimittel selbst zu produzieren.
Die Dauergefahr durch Drohnen bringt auch Verkehrschaos und trennt die Stadt. Die Hälfte der drei Millionen Einwohner lebt in Hochhausvierteln auf dem Ostufer des Dnipro, gearbeitet wird zumeist auf dem Westufer. Der Schriftsteller Andrej Kurkow schilderte, wie er weder mit Metro noch Bus oder Auto über die Brücken von Ost nach West kam. Während er wartete, sei 100 Meter entfernt eine Drohne eingeschlagen. Immerhin darf nun eine von zwei U-Bahnlinien auch bei gelbem Alarm über den Dnipro fahren.
Trotz der Gefahr versuchen viele Menschen, schöne Momente zu nutzen – ein letzter Sonnentag am Fluss, ein Bummel, ein Besuch im Restaurant. Der Journalist Illja Ponomarenko schreibt, man könne seine Tage nicht im Schutzraum verbringen, man käme jetzt gar nicht mehr raus. Das Leben in Kiew gehe weiter, ungeachtet dessen, was Russland wolle.
Mit Blick auf den kommenden Winter wächst die Furcht. Im vergangenen Januar zerstörte Russland die Kiewer Energieversorgung, Hunderttausende saßen wochenlang bei strengem Frost fast im Dunkeln und froren. Die Stadtverwaltung meldet, das Heizsystem sei bereit, und es seien kleine dezentrale Kraftwerke gebaut worden. Offen bleibt, was geschieht, wenn diesmal noch mehr zusammenkommt.