Der Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in den Vereinigten Staaten hat keine greifbaren Ergebnisse gebracht. Statt konkreter Vereinbarungen dominierten protokollarische Gesten und freundliche Worte. Doch der Blick auf die beiden Staatsmänner offenbart einen grundlegenden Unterschied: Xi verfolgt eine langfristige, strategische Agenda, während Donald Trump durch Unbeständigkeit und das Beschädigen von Bündnissen die amerikanische Position schwächt.
Xi Jinping, seit 14 Jahren Parteichef und seit 13 Jahren Staatspräsident, gilt als kalkulierter Machtpolitiker. Er denkt in historischen Dimensionen und hat das Jahr 2049 als Zielmarke definiert. Dann besteht die Volksrepublik China, gegründet von Mao Zedong, 100 Jahre. Bis dahin soll das Land wieder zur stärksten, reichsten und technologisch führenden Nation der Welt werden. Dieser «historische Traum» ist die Richtschnur seines Handelns. Der Besuch in den USA fügt sich in diese langfristige Strategie ein, auch wenn er keine unmittelbaren Ergebnisse brachte.
Donald Trump hingegen versuchte, seinen Gast mit Grandezza zu beeindrucken. Er empfing Xi persönlich auf dem Rollfeld, lud die Chefs führender Technologieunternehmen von OpenAI bis Meta zu einem Galadinner und führte ihn durch das Nationalarchiv, um ihm die Gründungsdokumente der amerikanischen Demokratie zu zeigen. Diese Gesten sollten Stärke und Wertschätzung demonstrieren. Doch sie stehen im Kontrast zu Trumps außenpolitischem Kurs, der von Wankelmut und Widersprüchen geprägt ist. In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung drohte er dem Iran mit Vernichtung und zeigte gleichzeitig Verachtung für internationale Institutionen.
Wo Xi langfristig plant und Etappen definiert, springt Trump hin und her. Diese Unstetigkeit könnte langfristig Chinas Aufstieg begünstigen. Bereits 2012, als Xi auf der Weltbühne auftrat, ließ er Verbündete wissen, dass sich das Zentrum der Geschichte nach Asien verlagern werde. Die USA sollten sich aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückziehen, um sich dem Systemkonflikt mit China zu widmen. Obama gelang dies wegen der Kriege in Syrien und Libyen nicht. Trump startete als Isolationist, verwickelte sich dann aber in einen Krieg gegen den Iran und kommt dort nicht mehr heraus. Für eine aufsteigende Weltmacht sind das gute Nachrichten: Die amtierende Weltmacht steckt in alten Konflikten fest.
Ein weiterer Faktor ist die Beschädigung von Bündnissen. Die amerikanische Machtprojektion beruhte auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Einfluss in Europa und Asien. Trump hat diese Grundlagen durch das Verprellen von Verbündeten geschwächt. China hat auf mehreren Kontinenten ein Netz ökonomischer Abhängigkeiten gesponnen. Zu seinen historischen Rivalen gehören Südkorea und Japan. Wenn diese Länder sich nicht mehr auf die USA als Schutzmacht verlassen können, müssen sie Konsequenzen ziehen. Welche das sind, hängt auch von der Entwicklung um Taiwan ab. Auf die Insel flohen nach 1945 die Truppen Tschiang Kai-sheks, die im Bürgerkrieg gegen Mao unterlagen. Daraus entstand eine Demokratie unter amerikanischem Protektorat. China erhebt jedoch Anspruch auf Taiwan. Bis 2049, so wird vermutet, will Xi die Wiedervereinigung erzwingen. Trump hat für diesen Wunsch Verständnis gezeigt, eine wichtige Zäsur. Wie seine Nachfolger im Konfliktfall reagieren, ist offen.
Xi Jinping dürfte die aktuelle Lage mit Genugtuung betrachten. Ein US-Präsident, der Verbündete verprellt und sich in alten Konflikten verfängt, erleichtert China den Weg zur angestrebten Weltmachtstellung. Der Besuch hat keine substantiellen Ergebnisse gebracht, aber er hat den strategischen Gegensatz zwischen langfristiger Planung und kurzfristigem Aktionismus deutlich gemacht.