Die Ukraine soll nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj von den USA die Lizenz zur Herstellung von Patriot-Luftabwehrraketen erhalten. Das teilte der ukrainische Staatschef am Freitag in einer Sprachnachricht an Journalisten mit. «Bei unserem letzten Treffen hat Präsident Trump mir gegenüber betont, dass er eine endgültige Entscheidung getroffen hat. Die Ukraine wird Lizenzen für die Herstellung von Patriot-Raketen erhalten», sagte Selenskyj. Zuvor hatten sich beide Politiker am Dienstag am Rande der UN-Generaldebatte in New York getroffen.
Die Ankündigung markiert eine erneute Wende in einer seit Monaten schwankenden Position des US-Präsidenten. Anfang Juli hatte Trump erklärt, die USA würden der Ukraine «das Recht geben, Patriots herzustellen». Nur wenige Wochen später äußerte er sich deutlich zurückhaltender. Ende Juli sagte er mit Blick auf die Luftabwehrraketen, die USA müssten «sehr vorsichtig sein, wenn wir jemandem erlauben, sie zu bauen». Ob die nun von Selenskyj verkündete Zusage tatsächlich Bestand hat, lässt sich anhand der öffentlichen Äußerungen nicht abschließend klären.
Das Patriot-System spielt eine zentrale Rolle beim Schutz ukrainischer Städte und der kritischen Infrastruktur, insbesondere vor ballistischen Raketen aus Russland. Der Ukraine mangelt es sowohl an vollständigen Patriot-Systemen als auch an den dazugehörigen Abwehrraketen. Bereits Mitte August hatte Selenskyj erklärt, sein Land benötige fünf Prozent der Patriot-Raketen der USA, um angesichts der zunehmenden russischen Angriffe durch den bevorstehenden Winter zu kommen. Um alle von Moskaus Truppen abgefeuerten ballistischen Raketen abzufangen, seien sogar zehn Prozent der US-Lagerbestände erforderlich.
Selbst wenn Kiew die Lizenzen für die Herstellung der Abwehrraketen nun tatsächlich erhalten sollte, würde dies den unmittelbaren Bedarf der Ukraine nicht decken. Der Aufbau entsprechender Produktionskapazitäten im Land würde mehr als ein Jahr dauern. In der Zwischenzeit bleibt die Ukraine auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Parallel dazu arbeitet Kiew mit internationalen Partnern an der Entwicklung eines eigenen Raketenabwehrsystems, um sich langfristig unabhängiger von ausländischen Waffensystemen zu machen.
Die militärische Lage bleibt angespannt. Russland setzt seine Angriffe auf die Ukraine unvermindert fort. In Kiew tötete eine russische Kampfdrohne nach ukrainischen Polizeiangaben am Morgen einen 14-jährigen Jungen, als sie ein Hochhaus traf. Mindestens sieben weitere Bewohner des Wohnblocks wurden verletzt. Präsident Selenskyj bestätigte die Angaben. Die Ukraine arbeitet derzeit an einer wirksamen Abwehr gegen die von Russland weiterentwickelten schnellen Shahed-Drohnen mit Düsenantrieb, die schwer abzufangen sind.
Gleichzeitig setzt die Ukraine ihre eigenen Drohnenangriffe auf Öl- und Industrieanlagen in Russland fort. Selenskyj bestätigte entsprechende inoffizielle Berichte. «Wir antworten auf Russlands brutale Angriffe gegen das Leben», schrieb der Staatschef auf Telegram. Demnach wurden Raffinerien in Perm am Ural, rund 1.500 Kilometer von der Ukraine entfernt, und eine Raffinerie in Nowoschachtinsk im Süden Russlands getroffen. Ein weiteres Ziel war den Angaben nach eine Elektronikfabrik in Uljanowsk an der Wolga. Einen Angriff auf ein Chemiewerk in Woronesch bestätigte er zunächst nicht.
Russland versucht seit mehr als viereinhalb Jahren, die Ukraine mit seinem Angriffskrieg zu unterwerfen. Die Ukraine wehrt sich mit Unterstützung westlicher Partner. Die mögliche Lizenz zur Patriot-Produktion wäre ein weiterer Schritt, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferungen zu verringern, auch wenn die Wirkung erst mittelfristig greifen dürfte.