Susan Sarandon steht in Venedig gleichzeitig für einen neuen Film vor der Kamera der Weltpresse und spricht über die Filme, bei denen sie nach eigener Darstellung nicht mehr dabei ist. Die Oscarpreisträgerin sagte am 6. September, ihre öffentliche Unterstützung für Palästinenser koste sie weiterhin Rollen.
Sarandon erklärte, ihr seien zuletzt Filmprojekte entzogen worden. Außerdem gebe es Agenturen, die anderen davon abrieten, sie zu engagieren. Das ist ihre Schilderung von Entscheidungen, die normalerweise hinter verschlossenen Türen fallen. Öffentlich belegt ist damit keine organisierte schwarze Liste. Belegt ist aber, dass ihre politische Position schon einmal direkte berufliche Folgen hatte: Im November 2023 trennte sich die Talentagentur UTA nach Äußerungen bei einer propalästinensischen Kundgebung von ihr.
Sarandon entschuldigte sich später für die damalige Formulierung. Sie nannte sie einen schweren Fehler und stellte klar, dass sie die Geschichte von Antisemitismus und der Verfolgung jüdischer Menschen nicht relativieren wollte. An ihrer grundsätzlichen Unterstützung für Palästinenser hielt sie fest.
Warum das Thema jetzt wieder so groß wird, hat mit The Echo Chamber zu tun. Der Film von Andrea Pallaoro läuft im Hauptwettbewerb der 83. Filmfestspiele von Venedig. Neben Sarandon spielen Luca Marinelli und Alicia Vikander. Das Drehbuch wird Bernardo Bertolucci, Ilaria Bernardini und Ludovica Rampoldi zugeschrieben und geht auf Bertoluccis letztes Filmprojekt als Autor zurück.
Sarandon spielt Ava, eine berühmte Sängerin, die ein Comeback versucht. Diese Rolle wirkt fast wie ein Kommentar zu ihrer eigenen Lage, obwohl Filmfigur und Schauspielerin natürlich nicht dasselbe sind. Sarandon sagte in Venedig, sie fühle sich international stärker willkommen, und bedankte sich bei Pallaoro dafür, dass er sie besetzt habe.
Für eine jüngere Generation ist an dem Fall besonders interessant, wie eng Popkultur und Politik inzwischen verbunden sind. Stars können ihre Reichweite direkt für politische Botschaften nutzen. Gleichzeitig werden ihre Aussagen sofort geschnitten, geteilt, bewertet und dauerhaft archiviert. Eine Äußerung verschwindet nicht nach dem nächsten Interview, sondern kann Jahre später wieder Teil jeder neuen Kampagne werden.
Das bedeutet nicht, dass jede verlorene Rolle automatisch Zensur ist. Produktionen entscheiden nach Budget, Terminplan, Publikum, Versicherungen, Finanzierung und Image. Aber es bedeutet auch nicht, dass politische Reputation bei solchen Entscheidungen keine Rolle spielt. Sarandons Fall zeigt genau diese Unsicherheit: Ein konkreter Bruch mit UTA ist dokumentiert, ihre aktuellen Vorwürfe über weitere verlorene Jobs beruhen auf ihrer eigenen Aussage.
The Echo Chamber startet am 10. September in Italien. Am 12. September wird in Venedig der Goldene Löwe vergeben. Damit bekommt Sarandon sehr schnell die Chance, wieder über den Film statt nur über die Kontroverse wahrgenommen zu werden.
Ob daraus ein dauerhaftes Comeback entsteht, entscheidet sich danach. Wenn weitere internationale Rollen folgen, könnte Venedig für Sarandon zu einem neuen Weg außerhalb klassischer Hollywood-Strukturen werden. Bleiben solche Angebote selten, wird ihre Behauptung weiter im Raum stehen, dass politische Haltung in ihrer Karriere einen realen Preis hat.