Wireva

Wadephul in Kanada: Ottawa sucht Abstand zu Washington

Außenminister Wadephul reist nach Ottawa, während Kanada unter dem Druck von US-Präsident Trump nach Alternativen zu den USA sucht. Deutschland und Europa sehen darin eine Chance – und ein Risiko.

Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung unter der redaktionellen Verantwortung von Haydamax OÜ erstellt.

Außenminister Johann Wadephul hat am Donnerstagabend die kanadische Hauptstadt Ottawa erreicht, wo er mit seiner Amtskollegin Anita Anand zusammentraf. Der Besuch fällt in eine Phase wachsender Spannungen zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten. US-Präsident Donald Trump hatte Kanada wiederholt als möglichen 51. Bundesstaat bezeichnet und einen erbitterten Zollstreit mit dem jahrzehntelangen Verbündeten begonnen. Im August scheiterten die Handelsverhandlungen, anschließend traten zusätzliche US-Zölle auf kanadische Waren in Kraft. Ottawa reagierte mit Gegenzöllen.

Die Enttäuschung über den großen Nachbarn ist in der kanadischen Gesellschaft tief spürbar. Als Wadephuls Delegation durch Ottawa fuhr, überholte sie einen Wagen mit einem Aufkleber, der sich drastisch gegen Trump richtet. Der Stadtrat beschloss zudem einstimmig, die «Trump Avenue» umzubenennen. Zuvor hatte der US-Präsident den amerikanisch-kanadischen Grenzsee Lake Ontario in «Lake America» umbenannt. Ottawa lässt sich von Washington nicht herumschubsen – das ist die Botschaft.

Für Kanada ist der Konflikt mit den USA existenziell. Kaum zwei hoch entwickelte Volkswirtschaften sind so eng miteinander verflochten. Lieferketten reichen über die Grenze, Produktionsprozesse sind auf beide Länder verteilt. Jahrzehntelang war diese Integration eine Stärke, unter Trump wird sie zur Verwundbarkeit. Ende 2025 lagen Kanadas Warenexporte in die USA 11,1 Prozent niedriger als noch im März desselben Jahres. Die Stahlexporte haben sich seit Einführung der US-Zölle etwa halbiert, die Holzausfuhren lagen Anfang 2026 rund 20 Prozent unter dem Durchschnitt von 2024. Die kanadische Zentralbank erwartet, dass die Wirtschaftsleistung Ende 2026 rund 1,5 Prozent niedriger liegen wird als vor Beginn der amerikanischen Zollpolitik Anfang 2025 prognostiziert.

Premierminister Mark Carney kündigte nach der jüngsten Eskalation an, amerikanische Zölle «Dollar für Dollar» zu beantworten. Ottawa will deutlich machen, dass wirtschaftliche Abhängigkeit Washington kein Vetorecht über kanadische Entscheidungen gibt. Die jüngsten US-Zölle betreffen zwar nur rund fünf Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA. Bleiben sie bestehen, könnten sie das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal dennoch ungefähr halbieren – auf weniger als ein Prozent. Geografie lässt sich nicht verändern, und jahrzehntelang gewachsene Lieferketten können nicht innerhalb weniger Monate umgeleitet werden. Ottawa sucht deshalb keinen Ersatz für die USA, sondern Luft zum Atmen.

Deutschland und Europa sehen in Kanadas Suche nach Alternativen eine Chance. Wirtschaftlich und sicherheitspolitisch könnte Europa von einer engeren Zusammenarbeit profitieren. Doch genau darin liegt auch ein Risiko: Je näher Ottawa und Brüssel zusammenrücken, desto entschlossener könnte Trump versuchen, diese Annäherung zu verhindern. Der Besuch Wadephuls ist daher mehr als ein diplomatischer Höflichkeitsakt. Beim Treffen in der Residenz des deutschen Botschafters inszenierten beide Seiten demonstrative Herzlichkeit. Wadephul und Anand umarmten sich, hielten Hände, lachten. Sie feierten 75 Jahre deutsch-kanadische Beziehungen und stachen ein Bierfass an. Ein Berliner DJ spielte Musik, serviert wurden Wurst, Pommes, Sauerkraut und Döner. Als der deutsche Eishockeystar Tim Stützle, Stürmer der Ottawa Senators, beiden Ministern ein Trikot schenkte, zog Anand ihres sofort an. Wadephul entdeckte daran das Preisschild und scherzte: «Ist das dein Preisschild?»

Hinter der Harmonie steht eine strategische Neuorientierung. Kanada möchte sich möglichst schnell aus seiner einseitigen Abhängigkeit von den USA lösen. Deutschland und Europa könnten davon profitieren – wenn es gelingt, die Annäherung nicht als Provokation erscheinen zu lassen. Die Reise fällt in eine Zeit, in der die USA unter Trump einen ihrer engsten Verbündeten systematisch in Richtung Europa treiben. Für die deutsche Außenpolitik eröffnet das neue Möglichkeiten, birgt aber auch die Gefahr einer weiteren Verschärfung des Konflikts mit Washington.

Same event, other desks

Story file →