Die europäischen Nato-Staaten schließen derzeit eine ihrer größten militärischen Lücken: Sie investieren Milliarden in Marschflugkörper, ballistische Raketen und weitreichende Angriffsdrohnen. Damit sollen im Kriegsfall Flugplätze und andere militärische Ziele weit hinter der Front getroffen werden können. Doch nach Einschätzung des Militärexperten Gustav Gressel werden die geplanten Bestände nicht ausreichen, um Russland glaubwürdig abzuschrecken.
Gressel, der an der Landesverteidigungsakademie in Wien lehrt, äußerte sich auf Anfrage von t-online zu den europäischen Rüstungsbemühungen. Die Forderung vieler Sicherheitsexperten, Europa müsse sich darauf vorbereiten, einen russischen Angriff notfalls ohne Hilfe der USA abzuwehren, hält er grundsätzlich für berechtigt. „Natürlich ist an der Forderung etwas dran, allerdings auch mit Haken“, sagte er. Seit Donald Trump erneut US-Präsident wurde, fordern Sicherheitsexperten verstärkt, dass Europa eigene Fähigkeiten für anhaltende Angriffe auf Ziele weit hinter der Front aufbaut.
Die heutigen Lücken reichen nach Gressels Analyse bis in die Jahre nach dem Kalten Krieg zurück. Als die europäischen Staaten ihre Verteidigungshaushalte kürzten, sparten sie vor allem bei teuren Fähigkeiten, die im Bündnis von den USA bereitgestellt wurden. Dazu zählen Aufklärung, elektronische Kampfführung und Angriffe auf Ziele weit hinter der Front. „Kaum ein Nato-Staat rechnete damit, Krieg ohne die USA führen zu müssen“, sagt Gressel. Während in Europa vor einem neuen Wettrüsten gewarnt worden sei, habe Russland sein Arsenal an weitreichenden Waffen ausgebaut.
Ganz ohne Waffen für Angriffe in die Tiefe ist Europa allerdings nicht. Deutschland und Spanien verfügen über den Taurus, einen aus Kampfflugzeugen gestarteten Marschflugkörper mit mehr als 500 Kilometern Reichweite. Frankreich und Großbritannien besitzen mit SCALP beziehungsweise Storm Shadow vergleichbare Waffen. Polen setzt zudem die in den USA entwickelte JASSM-ER ein, weitere europäische Staaten haben sie bestellt. Frankreich verfügt mit dem MdCN außerdem über einen eigenen Marschflugkörper, der von Fregatten oder U-Booten gestartet werden kann. Noch weiter reicht die Tomahawk, die Großbritannien von seinen U-Booten aus einsetzen kann: Sie trifft Ziele in bis zu rund 1.600 Kilometern Entfernung. Zugleich steht sie beispielhaft für Europas Abhängigkeit von Washington, denn sie wird in den USA entwickelt und produziert.
Gressel schätzt, dass die russische Luftverteidigung im Schnitt etwa 70 Prozent dieser Unterschall-Marschflugkörper abfangen kann. Unabhängig überprüfen lässt sich die Quote nicht. Sie verdeutlicht jedoch das grundsätzliche Problem: Um ein wichtiges Ziel zuverlässig zu zerstören, müssten meist mehrere Flugkörper gleichzeitig eingesetzt werden. Bessere Chancen, die gegnerische Flugabwehr zu überwinden, haben ballistische Raketen. Sie erreichen hohe Geschwindigkeiten und sind deshalb schwieriger abzufangen. Konventionelle ballistische Raketen werden in Europa laut Gressel nur von der Türkei und inzwischen der Ukraine hergestellt.
Der Bundeswehr fehlt bislang eine ballistische Rakete, mit der sie weit entfernte Landziele angreifen kann. Um ein solches System zu erproben, hat die Deutsche Marine im Nordatlantik die israelische Naval LORA getestet. Die von Israel Aerospace Industries entwickelte Rakete wird aus einem Startcontainer an Bord eines Kriegsschiffs abgefeuert und kann nach Angaben des Verteidigungsministeriums Ziele in bis zu 500 Kilometern Entfernung treffen. Ob Deutschland das System beschafft, ist noch nicht entschieden.
Dass sich der Aufwand einer eigenen Drohnen- und Raketenentwicklung lohnt, zeigt die Ukraine. Ihre Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben deutliche Folgen gehabt. Ende August deckte Russlands Benzinproduktion nach Informationen von Reuters nur noch etwa 70 Prozent des inländischen Bedarfs. „Die strategischen Industriezweige der Russen – Öl, Gas, Rüstung, Raumfahrt – sind über ein riesiges Territorium verteilt“, sagt Gressel. „Industriebetriebe sind nicht einfach zu zerstören, leichte Beschädigungen können oft schnell repariert werden.“
Für glaubwürdige Abschreckung reichen daher keine kleinen nationalen Bestände. „Von einigen wenigen Systemen wird sich Moskau kaum abschrecken lassen, weil es ja jetzt auch weiß, wie viel Beschuss es aushalten kann“, sagt der Sicherheitsexperte. „Europäer und Amerikaner unterschätzen, wie viel Munition man eigentlich braucht, um in der russischen Tiefe signifikante Ergebnisse zu erzielen.“ Die Ukraine greift seit mehr als einem Jahr regelmäßig Ziele tief in Russland an. Europäische Hersteller bauen bislang kaum vergleichsweise günstige Langstreckenwaffen, die in großer Zahl eingesetzt werden können, um die gegnerische Luftverteidigung zu überfordern. Als einziges bereits einsatzfähiges europäisches System dieser Art nennt Gressel die Ruta des niederländischen Herstellers.