Dolly Parton ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Ihre Familie gab ihren Tod am 25. August über ihren Neffen Brian Seaver bekannt. Eine Todesursache wurde zunächst nicht öffentlich genannt.
Wer Dolly Parton nur als ältere Countrysängerin mit riesiger blonder Frisur kennt, verpasst den interessantesten Teil ihrer Geschichte. Parton war eine der Künstlerinnen, deren Werk ständig in andere Generationen hineinwanderte. Manche kennen ihre Stimme aus “Jolene”, andere kennen “I Will Always Love You” vor allem in Whitney Houstons Version, wieder andere begegneten ihr als Filmfigur, Meme-tauglicher Popikone oder erstaunlich präsenter Wohltäterin. Hinter all diesen Bildern stand dieselbe Person: eine extrem produktive Songwriterin, die sehr früh verstand, dass man eine öffentliche Figur nicht nur darstellen, sondern auch selbst steuern kann.
Dolly Rebecca Parton wurde 1946 in Locust Ridge im US-Bundesstaat Tennessee geboren. Sie war das vierte von zwölf Kindern und wuchs in einer armen Familie in den Appalachen auf. Musik gehörte zum Alltag. Ihre Mutter sang Kirchenlieder und alte Balladen, Verwandte spielten Instrumente. Ihr Onkel Bill Owens förderte sie besonders. Mit zehn Jahren trat Parton bereits im Radio und Fernsehen in Knoxville auf, mit 13 stand sie als Gast in der Grand Ole Opry, einer der wichtigsten Country-Institutionen der USA.
Nach dem Schulabschluss zog sie 1964 praktisch sofort nach Nashville. 1967 kam der große Karriereschub durch “The Porter Wagoner Show”. Die Fernsehsendung machte sie landesweit bekannt, zunächst als Duettpartnerin. Doch Parton wollte nicht dauerhaft die zweite Hälfte eines Erfolgsduos bleiben. Als sie die Zusammenarbeit beendete, schrieb sie “I Will Always Love You” als Abschied.
Genau darin liegt viel von ihrer Stärke. Parton nahm konkrete Erfahrungen und schrieb daraus Songs, die größer wurden als der Anlass. In “Jolene” bittet eine Frau eine andere, ihr den Partner nicht wegzunehmen. “Coat of Many Colors” erzählt von einem selbst genähten Mantel und der Scham eines armen Kindes, das dafür ausgelacht wird. “9 to 5” verwandelt den Frust über Hierarchie und Ausbeutung im Büro in einen Popsong. Die Texte sind leicht verständlich, aber nie leer.
Dass Whitney Houston 1992 mit “I Will Always Love You” einen Welterfolg hatte, zeigte außerdem, wie weit Partons Songwriting über das Country-Publikum hinausreichte. Insgesamt verkaufte Parton mehr als 100 Millionen Tonträger. Die Recording Academy führt sie mit zehn Grammy-Siegen und 55 Nominierungen. 1999 wurde sie in die Country Music Hall of Fame aufgenommen, 2022 in die Rock & Roll Hall of Fame.
Auch ihr Look war Teil der künstlerischen Kontrolle. Parton tat nie so, als seien Haare, Strass und extreme Silhouetten zufällig entstanden. Sie übertrieb bewusst und machte Witze über sich selbst, bevor andere es konnten. Dadurch wurde aus einem möglichen Klischee eine eigene visuelle Sprache. Die Rock & Roll Hall of Fame würdigte sie ausdrücklich auch als Geschäftsfrau, die Maßstäbe für künstlerische Kontrolle gesetzt habe.
Parton wechselte zudem ins Kino. “9 to 5” machte sie 1980 neben Jane Fonda und Lily Tomlin zum Filmstar. Später spielte sie unter anderem in “Steel Magnolias”. Sie konnte dabei genau das nutzen, was ihre Musik bereits stark machte: Timing, Wärme, Selbstironie und eine klare Vorstellung davon, wie sie wahrgenommen werden wollte.
Der vielleicht unerwartetste Teil ihres Vermächtnisses hat mit Büchern zu tun. 1995 gründete Parton die Imagination Library. Ihr Vater konnte weder lesen noch schreiben, und Parton wollte, dass Kinder von klein auf eigene Bücher zu Hause haben. Aus einem lokalen Projekt in Tennessee wurde ein Programm in fünf Ländern. Bis Juni 2026 hatte es mehr als 325 Millionen Bücher verschickt; zuletzt waren es über 3,5 Millionen pro Monat.
Deshalb bleibt Dolly Parton auch für Menschen relevant, die nie ein Country-Album gekauft haben. Sie zeigt, wie man aus einer vermeintlich kitschigen Oberfläche etwas Eigenes machen kann, wie persönliche Geschichten zu Popkultur werden und wie Ruhm in Strukturen übersetzt werden kann, die noch funktionieren, wenn der Star nicht mehr auf der Bühne steht. Die Perücke war Teil des Bildes. Die eigentliche Leistung lag darunter.