Die ukrainische Armee steht vor einer neuen Herausforderung: Die Nutzung des Satelliteninternets Starlink wurde offenbar eingeschränkt, während die USA mit einem Stopp der Weitergabe von militärischen Aufklärungsdaten drohen. Beide Ressourcen sind für die Verteidigung gegen die russische Invasion und für weitreichende Drohnenangriffe auf Ziele im russischen Hinterland von zentraler Bedeutung.
Wie ukrainische Medien berichten, hat der Betreiber SpaceX in der Nacht zum Mittwoch ohne Vorwarnung ein Tempolimit für Starlink-Terminals eingeführt. Demnach verlieren Flugobjekte ihre Verbindung, wenn sie sich schneller als 160 Kilometer pro Stunde bewegen. Andere Berichte nennen bereits 110 oder 120 Kilometer pro Stunde. Für die ukrainischen Langstreckendrohnen, die teils mit bis zu 300 Kilometer pro Stunde fliegen, bedeutet das: Sie sind bei Überschreitung der Grenze im Blindflug unterwegs, können nicht mehr aus der Ferne gesteuert werden und verfehlen ihr Ziel.
Starlink wird von der ukrainischen Armee seit Kriegsbeginn für die Kommunikation im Frontgebiet genutzt. Bei zerstörter Infrastruktur und fehlendem Mobilfunknetz ermöglicht es Hochgeschwindigkeitsinternet auch im Feld. Mit dem Einsatz von Seedrohnen und Drohnenangriffen auf das russische Hinterland kam ein neues Einsatzgebiet hinzu: Starlink-Antennen stellen auch für schnell fahrende Boote und fliegende Geräte eine Verbindung her, sodass Drohnenvideos nahezu in Echtzeit übertragen und die Waffen aus der Ferne ins Ziel gesteuert werden können.
Neben Starlink erhält die Ukraine von ihren westlichen Verbündeten Aufklärungsdaten. Dazu gehören Satellitendaten und Hinweise zur Abwehr russischer Luftangriffe, etwa zu Vorbereitungen der russischen Luftwaffe wie Auftanken, Munitionieren und Starten von Flugzeugen sowie zum Abfeuern von Raketen. Auch Informationen über ballistische Raketen oder Drohnenangriffe, deren Starts und mögliche Ziele werden weitergegeben. Für eigene Angriffe erhält Kiew Daten zu Positionen der russischen Flugabwehr und möglichen Umgehungsrouten. Ohne diese Informationen wären die teils spektakulären ukrainischen Drohnenangriffe auf Rüstungsfabriken, Lager, Datenverarbeitungszentren und Raffinerien bis ins ferne Sibirien kaum umsetzbar. Zudem werden Erkenntnisse über Truppenbewegungen, Munitionslager und Kommandozentralen geliefert, die so zu Zielen ukrainischer Angriffe werden.
Doch seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump fließen weniger Geld und Waffen in die Ukraine. Nun droht Washington offenbar auch mit einem Stopp der Weitergabe von militärischen Aufklärungsdaten. US-Präsident Trump wies am Dienstag zwar den Vorwurf zurück, die USA würden weniger Geheimdienstinformationen mit der Ukraine teilen als üblich. Doch die Stimmung zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hatte sich zuletzt dramatisch verschlechtert. Trump hatte sogar die Ablösung Selenskyjs gefordert und behauptet, dieser sperre sich gegen ein Friedensabkommen und sei für hohe Dieselpreise verantwortlich. Der Preis für Diesel wurde jedoch vor allem durch den Krieg im Iran in die Höhe getrieben.
Trump drängt Kiew seit längerem zu schmerzhaften Kompromissen für einen Friedensschluss mit Russland. Vor den Kongresswahlen am 3. November möchte er Erfolge präsentieren, um seiner Republikanischen Partei Rückenwind zu geben. Vor diesem Hintergrund soll es nach einem Bericht der «New York Times» bei Gesprächen einer ukrainischen Delegation mit US-Vermittlern über Schritte zu einem Kriegsende zu einer indirekten US-Drohung gekommen sein. Demnach hat die US-Seite eine Einstellung ukrainischer Angriffe auf Raffinerien gefordert und in dem Zusammenhang auf die für die ukrainische Armee lebenswichtigen Aufklärungsdaten verwiesen.
Hat die Ukraine eine Alternative? In geringerem Umfang können andere Nato-Partner wie Großbritannien und Frankreich Aufklärungsdaten von Frühwarnflugzeugen und Satelliten zur Verfügung stellen. Die USA können sie jedoch nicht ersetzen. In Europa gibt es zwar mehrere Alternativen zum Satelliteninternet von Starlink, doch ob sie bei Abdeckung, Ausfallsicherheit und Datendurchsatz an den US-Dienst herankommen, wurde unter ukrainischen Kriegsbedingungen bisher nicht in großem Maßstab getestet. Das Weiße Haus ließ eine Anfrage am Mittwoch unbeantwortet. SpaceX-Chef Elon Musk teilte auf X mit, die Verantwortung für die Drosselung liege ganz bei der US-Regierung.