Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow hat vor einer schleichenden Niederlage seines Landes im Krieg gegen Russland gewarnt. Die Ukraine müsse innerhalb weniger Monate entscheidende Veränderungen einleiten, sagte er am Montag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters in Kiew. Seine Einschätzung weicht deutlich von der offiziellen Darstellung der Regierung ab: „Es sieht so aus, als würden wir allmählich verlieren“, so Fedorow.
Fedorow gehörte lange zum engsten politischen Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj und leitete zuvor das Ministerium für digitale Transformation. Als Verteidigungsminister versprach er einen grundlegenden Umbau des Ministeriums, geriet aber mit ranghohen Generälen über Strategie und Beschaffung aneinander. Nach nur sechs Monaten im Amt wurde er im Juli entlassen. Die Entscheidung löste Proteste in Kiew und anderen ukrainischen Städten aus.
Noch habe die Ukraine jede Chance, den Krieg zu gewinnen, betonte Fedorow. Dafür brauche sie jedoch dringend einen Plan, wie die Kämpfe beendet werden könnten. Russland erobert aktuell weniger Gelände als im vergangenen Jahr, gleichzeitig rückt die Armee von Präsident Wladimir Putin im Donbass aber weiter langsam vor. Fedorow führte die aus seiner Sicht gefährliche Entwicklung auf fehlende Innovationskraft, Korruption, Patronagenetzwerke und politisch abhängige staatliche Institutionen zurück.
Das ukrainische Präsidentenamt wies seine Kritik zurück: Während seiner Zeit als Minister habe Fedorow die Kriegsführung positiv bewertet. Geändert habe sich lediglich seine persönliche Stellung. Der Konflikt zwischen dem Ex-Minister und der Regierung ist Teil einer breiteren Debatte über den Kurs im Abwehrkampf gegen die russische Invasion.
Russland greift ukrainische Fabriken und Lagerhäuser jeden Monat mit Dutzenden ballistischen Raketen an. Den größten Teil davon kann die Ukraine laut Reuters nicht abfangen, weil die dafür benötigten Abwehrraketen knapp sind. Kiew wiederum hat seine Drohnen- und Raketenangriffe auf Ziele tief in Russland ausgeweitet und dabei unter anderem Rüstungsbetriebe und Ölraffinerien getroffen.
Für die weitere Verteidigung des Landes fordert Fedorow eine eng verzahnte Technologiestrategie. Die Ukraine müsse autonome, von künstlicher Intelligenz gesteuerte Drohnen entwickeln, günstige Abfangraketen in großer Zahl produzieren und ihr eigenes Programm für ballistische Raketen vorantreiben. Ukrainische Hersteller arbeiteten bereits an diesen Waffen. Was fehle, sei ein gemeinsamer Plan für ihren Einsatz. Fedorow skizzierte eine mögliche Front, die mit elektronischen Sensoren überwacht wird: Drohnen am Boden und in der Luft sollen den Einsatz von Soldaten dort auf ein Minimum reduzieren.
Fedorow zufolge bleibt der Ukraine nur ein Zeitfenster von wenigen Monaten, um diese Drohnenkampagne in ihrer jetzigen Form fortzusetzen. Sie soll die von Russland besetzte Krim logistisch isolieren. Denn nach dieser Zeit dürfte Moskau seiner Einschätzung zufolge Wege gefunden haben, die ukrainische Taktik abzuwehren. „Es gibt bereits Technologien, die die Russen vollständig stoppen könnten. Aber weil uns die Vision fehlt, setzen wir sie nicht ein“, sagte Fedorow. Der ukrainische Staat arbeite lediglich „mit einer Effektivität von fünf Prozent“, kritisierte der frühere Minister.
Mit seiner Entlassung ist aus dem langjährigen Selenskyj-Vertrauten ein möglicher politischer Rivale geworden. Vergangene Woche verschärfte Fedorow den Konflikt, als er als erster prominenter ukrainischer Politiker Wahlen während des Krieges forderte. Zur Begründung sprach er von einer „systemischen“ Regierungskrise. Selenskyj hält eine Abstimmung während der laufenden Kämpfe für eine Gefahr. Wahlen könnten das Land spalten und „zerstören“, warnte er. Seit dem russischen Großangriff im Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht, das Wahlen untersagt. Hinzu kommen Millionen Menschen, die im Ausland leben, sich in besetzten Gebieten befinden oder an der Front dienen.
Auch in der Bevölkerung stößt Fedorows Vorstoß bislang auf wenig Zustimmung. In einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie sprachen sich 57 Prozent dafür aus, erst nach einem endgültigen Friedensabkommen und dem vollständigen Ende des Krieges zu wählen. Nur 15 Prozent befürworteten Wahlen noch während der Kämpfe.