Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat erklärt, Russland habe bereits mit einer zusätzlichen Mobilmachung begonnen, um die hohen Verluste an der Front auszugleichen. In seiner abendlichen Videoansprache berief er sich auf Erkenntnisse der ukrainischen Geheimdienste. «Sie planen auch, verstärkt Ausländer einzubeziehen», sagte Selenskyj. Seit Monaten wird über eine neue Mobilmachung in Russland spekuliert. Kremlchef Wladimir Putin hatte solche Befürchtungen bisher kategorisch zurückgewiesen.
Nach Angaben Selenskyjs halten sich zudem mehr als 8.000 nordkoreanische Soldaten auf russischem Territorium auf. Ein weiteres Kontingent von 10.000 Soldaten werde derzeit für eine Ausbildung ausgewählt und anschließend nach Russland verlegt. Als Gegenleistung für die militärische Unterstützung erhalte Nordkorea russische Technologie. Auf nordkoreanischem Territorium sei mit russischer Hilfe die Produktion von Angriffsdrohnen des Typs «Shahed» aufgenommen worden. «So breitet sich das Böse aus, und so greift eine Bedrohung für das Leben in einem Teil der Welt auf andere Teile der Welt über», sagte Selenskyj.
Unterdessen meldet das ukrainische 3. Armeekorps im Rahmen der Offensivoperation «Vivaldi» Geländegewinne in der Region Donezk. Brigadegeneral Andrij Biletskyj gab die Befreiung der Ortschaften Nowe, Ridkodub und Kateryniwka sowie die Wiederherstellung der Kontrolle über Karpiwka und Nowomychajliwka bekannt. Insgesamt seien 51 Quadratkilometer zurückerobert worden, womit sich die seit Operationsbeginn zurückgewonnene Fläche auf 176 Quadratkilometer belaufe. Die russischen Verluste bezifferte das Korps auf rund 2.000 Soldaten. Mehr als 250 russische Soldaten sollen in Gefangenschaft geraten sein, darunter Offiziere, Piloten und Artilleristen, die sich laut Biletskyj «in ganzen Einheiten» ergeben hätten.
Den Durchbruch ermöglichte nach Angaben des Korps auch eine gezielte Täuschung: Die russischen Streitkräfte verlegten ihre Reserven in Erwartung eines Hauptangriffs auf die Achse Schandryholowe–Selenyj Dolyna und ließen sich dort in sinnlosen Gegenangriffen aufreiben. Der eigentliche Stoß galt jedoch der Ortschaft Nowe, die die Russen nach Angaben Biletskyjs «verschlafen» hätten. Zum Einsatz kamen dabei auch umgebaute sowjetische Schützenpanzer vom Typ BTR-60 aus den 1950er und 1960er Jahren, die zu robotisierten Kamikaze-Systemen umgerüstet worden waren. Mit ihnen seien die stärksten russischen Befestigungsanlagen gesprengt worden. Darüber hinaus soll das 3. Armeekorps nach eigenen Angaben als erste Einheit weltweit unbemannte Bodenfahrzeuge per Drohne tief in den russischen Rückraum eingeflogen haben – ein taktisches Novum, das die Infanterie schützen und feindliche Kommandostrukturen vor dem Angriff lähmen soll.
In der ukrainischen Grenzregion zu Polen hat es nach Angaben der Regierung in Warschau erneut eine Drohnenattacke unweit eines Grenzübergangs gegeben. «Ein weiterer Angriff Russlands auf die Westukraine. Eine düsengetriebene Drohne ist auf ukrainischer Seite etwa zwei Kilometer vom Grenzübergang zu Polen in Dorohusk eingeschlagen», schrieb Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz auf der Plattform X. Der Luftraum über Polen sei nicht verletzt worden. Wie das Oberkommando der polnischen Streitkräfte mitteilte, wurde in der Region um Lublin im Südosten Polens während russischer Luftschläge gegen die Westukraine Luftalarm ausgelöst. Dieser sei nach einer Viertelstunde wieder aufgehoben worden. Die Drohne beschädigte nach ukrainischen Angaben mit der Druckwelle der Explosion das Gebäude der Grenzkontrollstelle. «Es liegen keine Meldungen über Verletzte oder Tote vor», schrieb Roman Romanjuk, Leiter der Oblast-Verwaltung von Wolyn, auf Telegram. Er bat die Bewohner der Region, in Schutzräumen zu bleiben. In den vergangenen zwei Wochen war es in der Nähe des polnisch-ukrainischen Grenzübergangs Dorohusk-Jahodyn mehrfach zu russischen Drohnenangriffen auf dem Gebiet der Ukraine gekommen. Außerdem wurde dort ein Passagierzug von Kiew nach Warschau angegriffen. Polens Regierung wirft Russland eine Verschärfung des Ukraine-Kriegs vor.
Im Krieg in der Ukraine sind bisher fast 260.000 russische Todesopfer namentlich bekannt. Das unabhängige russische Medienunternehmen «Mediazona» bestätigte in Zusammenarbeit mit dem russischen Dienst der BBC die Identitäten von 258.989 gefallenen Militärangehörigen. Allein in den vergangenen zwei Wochen seien über 10.000 Namen hinzugekommen, doppelt so viele wie normalerweise. Grund ist insbesondere eine Liste von Leichen, die zwischen der Ukraine und Russland ausgetauscht wurde. Die Namen werden allerdings erst hinzugefügt, wenn die Identität unabhängig über offizielle Register bestätigt werden kann. Die tatsächliche Zahl der Todesfälle dürfte deutlich höher liegen, da nicht alle Fälle zweifelsfrei identifiziert werden können.
US-Präsident Donald Trump hat den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach eigenen Angaben aufgefordert, die Angriffe auf russische Ölraffinerien zu reduzieren. Demnach habe er Selenskyj gesagt: «Sie» – der Satz wurde in der Quelle nicht vollständig wiedergegeben.