Bei strahlendem Sonnenschein und sommerlich anmutenden Temperaturen haben Hunderttausende in Bremen den Tag der Deutschen Einheit gefeiert. In der Innenstadt und entlang des Weserufers ließen sich die Besucherinnen und Besucher ausgelassen von einem Angebot zum nächsten treiben. Manche probierten sich im Seifenkistenrennen aus, andere hangelten sich eine mehrere Meter hohe Kletterwand empor oder informierten sich über die Arbeit des Bundesrats. Aus einem Riesenrad heraus konnten die Gäste das bunte Gewimmel von oben beobachten.
Der offizielle Teil der Feierlichkeiten begann mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom und einem Festakt im Konzerthaus Glocke mit rund 1.000 Ehrengästen aus Politik, Justiz und Gesellschaft. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in seiner Rede: «Niemals dürfen die Herausforderungen der Gegenwart diesen Glücksmoment in der deutschen Geschichte verdrängen.» Und weiter: «Niemals dürfen wir diesen Moment in Vergessenheit geraten lassen. Vergessen wäre Verrat.»
Das Fest unter dem Motto «Viele Stärken – Ein Land» findet in diesem Jahr in Bremen statt, weil das kleinste Bundesland die Präsidentschaft im Bundesrat innehat. Zur Feier kam die politische Spitze Deutschlands – neben dem Bundespräsidenten auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), einige Minister, fast alle Regierungschefinnen und Chefs der Länder sowie Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts.
Auf dem Weg vom Dom zur Glocke gab sich die Polit-Prominenz bürgernah – unter hohem Sicherheitsaufgebot der Polizei. Die Spitzen der Politik schüttelten Schaulustigen die Hände, machten Fotos und unterhielten sich mit ihnen. Klöckner ergriff gut gelaunt die Smartphones von Bürgern und machte mit ihnen und Merz zahlreiche Selfies.
Bei seiner Festaktrede warnte der Bundespräsident mit Blick auf die Gegenwart vor extremistischen Kräften, die Freiheit, Demokratie und Einheit ins Wanken bringen. Eindringlich forderte er dazu auf, die Demokratie zu verteidigen. «Ich habe gedacht, alle hätten die Lektion aus der Geschichte gelernt», sagte er. Nun müsse er sehen, wie Rechtsextreme das Andenken an die Opfer des Holocausts ausradieren wollten. Die Politik müsse sich ohne Schonung fragen, was versäumt wurde, dass sich so viele Menschen abwenden und Extremisten eine solche Resonanz finden.
Gleichzeitig versuchte das Staatsoberhaupt, Mut zu machen. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten viele Krisen gegeben, die gelöst wurden. Der Schlüssel sei politischer Wille, eingefahrene Routinen zu verlassen. «Habt Mut zur Erneuerung!», sagte er in Richtung Politik. Es sei wichtig, entschlossen zu handeln – auch bei Gegenwind. «Unser Deutschland ist ein gutes Land. Schaffen wir ein noch besseres!», sagte er am Ende seiner eindringlichen Rede, für die er langen Applaus bekam.
Bis Sonntag wird die Einheit mit einem großen Bürgerfest gefeiert, zu dem mehr als 400.000 Menschen erwartet wurden. Rund 800 Veranstaltungen stehen auf dem Programm – neben kostenlosen Konzerten auch Diskussionen, Führungen, Mitmach-Aktionen und Ausstellungen. Am Samstagabend treten die Fantastischen Vier, Flo Mega und MiA auf, am Sonntag unter anderem der Sänger Kamrad und die Band Versengold. Auf dem Festgelände zeigen viele Organisationen und Institutionen ihre Arbeit – darunter die Verfassungsorgane Bundesrat, Bundestag, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht. Wer kein Foto zusammen mit Merz ergattern konnte, hatte beim «Selfie-Spot» die Möglichkeit, sich zumindest am Pult des Kanzlers fotografieren zu lassen.
Vor dem Dialogforum der Bundesregierung bildete sich wegen des Besuchs von Verteidigungsminister Boris Pistorius eine lange Schlange. Der SPD-Politiker beantwortete Fragen zu hybriden Anschlagszenarien, Aufrüstung und Wehrpflicht. Die Diskussion wurde per Video aufs Außengelände übertragen für die Menschen, die im Pavillon keinen Platz mehr ergattert hatten. Auf der «Ländermeile» auf dem Osterdeich präsentieren sich die Bundesländer. Bei zahlreichen Angeboten mussten die Menschen lange anstehen, etwa vor dem Mini-Planetarium von Thüringen. Am Berlin-Stand legte ein DJ chillige Musik auf, Gäste entspannten sich dabei auf Liegestühlen in der Sonne. Am Stand von Hamburg durften die Gäste Quizfragen beantworten, an dem von Niedersachsen gab es die legendäre VW-Currywurst.
Das Bundesland Bremen zeigt sich als Ausrichter der Feierlichkeiten auf mehreren Flächen in der Innenstadt. Dabei geht es um Mobilität, Häfen, Wissenschaft, Innovationen und Raumfahrt. Neben dem Rathaus steht als besonderer Hingucker eine 17 Meter hohe Rakete. Für Sicherheit sorgen zahlreiche Polizisten aus verschiedenen Bundesländern. Auch die Bundespolizei ist im Einsatz – etwa an Bahnhöfen und am Flughafen Bremen. Viele Plätze und Straßen sind mit mobilen Durchfahrtssperren abgesichert, einige Bereiche werden mit Kameras überwacht. Das Konzept scheint aufzugehen: Laut Polizei kam es zu keinen Behinderungen oder Störaktionen.