Rund einen Monat vor den US-Zwischenwahlen gehen immer mehr Republikaner auf Distanz zu Präsident Donald Trump. Obwohl der Präsident in dieser Woche eine große Wahlkampftour durch traditionell republikanisch geprägte Staaten begonnen hat, meiden zahlreiche Kandidaten seiner Partei die gemeinsame Bühne mit ihm. Ein republikanischer Wahlkampfstratege, der anonym bleiben wollte, brachte die Stimmung gegenüber dem Nachrichtenportal «Politico» drastisch auf den Punkt: Viele Kandidaten würden sich derzeit lieber mit Corona anstecken, als mit Trump aufzutreten.
Der Präsident hatte seine Tour am Donnerstag in Texas begonnen. In einer Lastwagenfabrik im Ort Denton sprach Trump vor Anhängern und listete die aus seiner Sicht Erfolge seiner Regierung auf: steigende Börsenkurse, eine historisch niedrige Armutsquote und ein Iran, der keine Atomwaffen besitzen werde. Die Arbeit seines Kabinetts nannte er «phänomenal». Das einzige Problem sei, dass es ihm nicht gelinge, diese Erfolge in der Öffentlichkeit richtig zu verkaufen. Anschließend flog Trump weiter nach Oklahoma, am Freitag folgte ein Auftritt in Alabama. Für Samstag ist eine Veranstaltung in Ohio geplant, am Montag in Nebraska und am Dienstag in Maryland. Nach Informationen von «Politico» sind in den kommenden Wochen weitere Reden in Iowa, Florida und Alaska vorgesehen.
Die Auswahl der Orte ist bemerkenswert: Mit Ausnahme von Maryland hatte Trump all diese Staaten bei der Präsidentschaftswahl 2024 deutlich vor der demokratischen Bewerberin Kamala Harris gewonnen. Alabama etwa ging mit mehr als 30 Prozentpunkten Vorsprung an die Republikaner. Doch aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass selbst diese roten Kernstaaten bei den Zwischenwahlen gefährdet sind. In Texas könnte mit James Talarico erstmals seit mehr als 30 Jahren wieder ein Demokrat einen Senatssitz gewinnen. In Alaska werden der demokratischen Bewerberin Mary Peltola Chancen zugerechnet, den Posten des republikanischen Senators Dan Sullivan zu übernehmen.
In North Carolina, wo Trump 2024 vergleichsweise knapp gewann, sorgte am Freitag die Meldung für Aufruhr, dass die Republikaner ihre Werbekampagne in dem Staat drastisch reduzieren und die Mittel in anderen Staaten einsetzen wollen. Beobachter werten diesen Schritt als Indiz dafür, dass die Partei nicht mehr daran glaubt, ihren Senatssitz in North Carolina halten zu können. Bereits Anfang September hatte sich die Entfremdung gezeigt: Die Republikaner hielten erstmals in ihrer Geschichte vor den Zwischenwahlen einen Parteitag in Dallas ab. Trump sprach dort zweimal, doch viele Kandidaten blieben der Veranstaltung fern. Der von Trump unterstützte Ken Paxton, der in den Senat einziehen will, nahm teil – doch die «New York Times» berichtete in dieser Woche über Tonaufnahmen, auf denen Paxton im privaten Umfeld sagte, Trump habe ihm und seiner Partei mit der Veranstaltung geschadet.
Die Zahlen stützen die Zurückhaltung der Kandidaten. Das «Wall Street Journal» veröffentlichte in der vergangenen Woche eine Umfrage, nach der die Zustimmung zu Trumps Politik bei 37 Prozent liegt. Das ist nicht nur Trumps persönlicher Tiefstwert, sondern auch einer der niedrigsten Werte, die ein US-Präsident jemals vor einer Zwischenwahl nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht hat. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Gallup war nur Harry S. Truman 1946 schwächer, als lediglich 33 Prozent der Amerikaner seine Politik unterstützten. Viele Republikaner, die im kommenden Monat antreten, hatten in den vergangenen Jahren intensiv um Trumps Rückhalt geworben. In der heißen Phase des Wahlkampfs scheint sich dieses Verhältnis nun umzudrehen – der Präsident selbst sieht sich offenbar weiterhin als größtes Zugpferd seiner Partei.