Russische Soldaten sollen bei einem Rückzug an der Front im Osten der Ukraine Teile der Reliquie des heiligen Dmitri Donskoi verloren haben. Das berichten mehrere Militärblogger auf Telegram, darunter der als gut informiert geltende Kanal «Kremljowskaja Tabakerka». Demnach gingen die Gebeine des mittelalterlichen Fürsten verloren, als die Soldaten während eines Bittgottesdienstes vor ukrainischem Beschuss fliehen mussten. Der Vorfall soll sich im Raum um die Stadt Lyman im Gebiet Donezk ereignet haben.
Ein anonym zitierter Geistlicher, der am Ort des Geschehens gewesen sein soll, schildert den Ablauf so: «Wir führten mehrere Reliquare mit den Überresten des heiligen Fürsten Dmitri durch die Zone der speziellen Militäroperation. An einem Frontabschnitt wurde der Ort des Bittgottesdienstes, zu dem sich Offiziere versammelt hatten, beschossen. Die Militäreinheiten mussten abrücken, und sie haben die Reliquien leider verloren. Jetzt steht der Feind an dieser Stelle.» Ein zweiter Kreml-naher Kanal, «Alex Parker», hatte zuvor von einem möglichen Verlust der Reliquien bei einem Rückzug im Gebiet Donezk berichtet. Offiziell bestätigt wurde keiner der Berichte.
Die russisch-orthodoxe Kirche wies die Darstellungen zurück. «Die Geschichte ist ausgedacht», sagte Wachtang Kipschidse, stellvertretender Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen der Kirche zu Gesellschaft und Medien, der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. «Das ist eine Erfindung, und sie wird, so ist anzunehmen, mit kirchenfeindlicher Absicht verbreitet.» Im Kreml jedoch schenkt man dem Dementi offenbar keinen Glauben. Laut «Kremljowskaja Tabakerka» ist dort von einer «kleinen Verschwörung» die Rede, mit der die Kirche «die Ineffektivität des eigenen Handelns zu verschleiern» versuche. Die Kirche habe versprochen, die Entsendung der Reliquien könne eine Wende an der Front bringen. «Man will uns alle, offenbar auch Wladimir Wladimirowitsch persönlich, täuschen», heißt es in dem Bericht – gemeint ist Präsident Wladimir Putin.
Der Kanal berichtet weiter, der Kreml habe nach dem Verlust einen vollständigen Bericht der Kirche darüber verlangt, was mit den Reliquien an der Front geschehe: wie viele Bittgottesdienste abgehalten wurden, an welchen Orten und ob eine Wirkung festgestellt wurde. Es ist nicht der erste Konflikt zwischen der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche und dem Moskauer Machtapparat. Patriarch Kyrill war bereits einmal verdächtigt worden, über die Wirkung von Reliquien getäuscht zu haben. Sie sollten russische Ölraffinerien schützen und die Treibstoffkrise im Land lösen – beides sei bislang nicht eingetreten, so der Blogger.
Dmitri Donskoi, Großfürst von Moskau, lebte von 1350 bis 1389. Am 8. September 1380 besiegte sein Heer auf dem Kulikowo-Feld die Truppen des Mongolenführers Mamai, ein Datum, das in Russland als Wendepunkt gegen die Herrschaft der Goldenen Horde gilt. Donskoi ließ die erste steinerne Kremlfestung errichten. Heiliggesprochen wurde er erst 1988, im Jahr der Tausendjahrfeier der Taufe der Rus. Sergej Tschapnin, Experte für Religionsfragen am Orthodox Christian Studies Center der Fordham University und früher im Verlag des Moskauer Patriarchats tätig, sieht in der Entsendung von Reliquien an die Front ein Instrument der Mobilisierung. Kirche und Staat seien in Russland «praktisch verschmolzen, sodass man sie nicht mehr unterscheiden kann». Reliquien zur Truppe zu bringen, sei im orthodoxen Christentum eine alte Praxis, werde aber von der Propaganda genutzt. Die Gebeine würden als «magisches Artefakt» präsentiert, der Vorgang sei ein «mobilisierender Mythos»: «Diese Mythen, die verschiedene Zeiten und Epochen miteinander verbinden, können einen sehr starken Einfluss auf das Bewusstsein der Massen haben.» Hinzu komme die politische Botschaft der Figur selbst. Donskoi sei kein Angreifer gewesen, sondern ein Verteidiger des Vaterlandes, so Tschapnin – und für die Staatsführung sei es wichtig zu zeigen, dass Russland nicht angreife, sondern eigenes Territorium verteidige.