Alejandro Jodorowsky ist vielen vor allem als Regisseur bekannt, der in den 1970er-Jahren daran scheiterte, Frank Herberts «Dune» zu verfilmen. Doch nach dem Ende seines Filmprojekts begann er eine zweite, mindestens ebenso einflussreiche Karriere: Als Autor von Comics schuf er ein Werk, das inzwischen fast hundert Bände umfasst und Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt hat.
Die Geschichte seines gescheiterten «Dune»-Films ist legendär. Jodorowsky sicherte sich in den 70er-Jahren die Rechte an dem Stoff und stellte ein Team zusammen, das heute wie eine Versammlung der Popkultur-Legenden wirkt: Pink Floyd, H.R. Giger und Orson Welles waren ebenso im Gespräch wie spätere Set- und Effekt-Designer von «Star Wars» und «Alien». Das Projekt scheiterte, und am Ende verfilmte David Lynch den Roman, später folgte eine von Kritik und Publikum deutlich besser aufgenommene Version von Denis Villeneuve.
Was danach kam, ist weniger bekannt. Jodorowsky wandte sich dem Comic zu und wurde dort zu einem der produktivsten Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts. Er zeichnete seine Geschichten nur selten selbst. Stattdessen arbeitete er mit Künstlern wie Moebius, dem Autor der bekannten «Blueberry»-Comics, Juan Giménez, Zoran Janjetov und Fred Beltran zusammen. Die Bücher entstanden als kreative Kollaboration zwischen ihm und den Zeichnern.
Inhaltlich griff Jodorowsky auf die wildesten Ideen zurück, die er für seinen «Dune»-Film entwickelt hatte, und erweiterte sie. Seine Comics sind meist Science-Fiction, oft cyberpunkartig, manchmal space-opera-artig, aber nie mit einer sauberen Schwarz-Weiß-Moral. Stattdessen finden sich Anspielungen auf psychoaktive Substanzen, religiöse Kulte, Verschwörungen, Tarot und Tantra. Es gibt reale Gewalt, die bisweilen sehr drastisch ausfällt, und es gibt Intimität. Als ein großes US-Unternehmen seine Reihe «Before the Incal» für das amerikanische Publikum aufbereitete, wurden laut dem Bericht eigens Künstler engagiert, um in einigen Panels nachträglich Kleidung aufzutragen.
Trotzdem sind die Geschichten nie vollständig nihilistisch. Es gibt leuchtende Helden und die Möglichkeit eines positiven Endes. Genau diese Mischung macht das Universum aus, das Jodorowsky über Jahrzehnte aufgebaut hat. «Der Incal» allein hat inzwischen ein Dutzend abgeschlossener Spin-off-Serien hervorgebracht, und es kommen offenbar jedes Jahr neue hinzu. Längst beschränkt sich sein Werk nicht mehr auf Science-Fiction: Es gibt Western-Comics, Geschichten im Mittelalter und Fantasy-Bände. Selbst die Western handeln von Drogen, göttlicher Intervention, mystischen Verschwörungen und Bestrafung.
Wer sich einen Einstieg wünscht, findet in fünf Werken einen guten Überblick: «Der Incal» mit Jean Giraud alias Moebius, «Die Meta-Baronen» mit Juan Giménez, «Before the Incal» mit Zoran Janjetov, «Die Technopriester» ebenfalls mit Janjetov sowie «Megalex» mit Fred Beltran. Sie zeigen, wie Jodorowsky nach dem Scheitern seines großen Filmprojekts ein Universum schuf, das bis heute nachwächst.