Der Dokumentarfilm «You Can See Everything» von Nathan Fielder und Lance Oppenheim sorgt derzeit in den Kinos für Gesprächsstoff – vor allem wegen einer Szene, die die verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes mit ihrer eigenen medialen Darstellung konfrontiert. Wie mehrere Berichte übereinstimmend schildern, sieht Holmes in dem Film Ausschnitte aus der Hulu-Serie «The Dropout», in der Amanda Seyfried sie verkörpert. Die Konfrontation mit der eigenen Fernsehfigur wird zum zentralen, selbstreflexiven Moment des Dokumentarfilms.
Die Szene fällt in die zweite Hälfte des Films, in der die Produktion laut Berichten noch einmal an Schockmomenten zulegt. Bereits zuvor hatte eine Szene mit Holmes’ Partner Billy Evans für Aufsehen gesorgt. Der Auftritt von Seyfried als Holmes in «The Dropout» war 2022 mit mehreren Auszeichnungen bedacht worden und hatte das öffentliche Bild der Theranos-Gründerin nachhaltig geprägt. Dass Holmes nun im Dokumentarfilm mit genau dieser Darstellung konfrontiert wird, verleiht «You Can See Everything» eine ungewöhnliche Meta-Ebene: Die reale Person reagiert auf die fiktionale Version ihrer selbst.
Hintergrund ist der Aufstieg und Fall des Bluttest-Startups Theranos, das Holmes 2003 gegründet hatte. Das Unternehmen versprach, mit nur wenigen Blutstropfen umfassende medizinische Analysen durchzuführen, und stieg zeitweise auf eine Bewertung von neun Milliarden Dollar. 2015 deckten investigative Recherchen auf, dass die Technologie nicht funktionierte wie behauptet. Theranos wurde 2018 aufgelöst, Holmes 2022 wegen Betrugs zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Geschichte wurde in Büchern, Podcasts und eben der Serie «The Dropout» aufgearbeitet.
Der Dokumentarfilm setzt damit einen anderen Akzent als frühere Aufarbeitungen: Statt die Ereignisse um Theranos chronologisch nachzuerzählen, rückt er die Person Holmes und ihren Umgang mit der eigenen Geschichte in den Mittelpunkt. Die Konfrontation mit der Seyfried-Darstellung wirft Fragen danach auf, wie Medienfiguren das Selbstbild der Porträtierten beeinflussen – und wie eine verurteilte Betrügerin mit der popkulturellen Version ihrer selbst umgeht. Der Film läuft aktuell in den US-Kinos; ein deutscher Starttermin ist bislang nicht bestätigt.