Drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit mehr als 1.200 ermordeten Menschen und 251 Verschleppten hat sich die Lage im Nahen Osten weiter zugespitzt. Gaza ist zu einem Trümmerfeld geworden, in dem zwei Millionen Menschen, mehr als die Hälfte davon Kinder, auf 365 Quadratkilometern eingepfercht leben. Israels Armee kontrolliert hinter einer sogenannten gelben Linie zwei Drittel des Gebiets. Auch im Südlibanon und im Süden Syriens zeugen ausgebrannte Ruinen von der Reichweite des Konflikts.
Die Wurzeln reichen Jahrzehnte zurück. Gaza wurde 1967 besetzt, 2005 von israelischen Siedlern und Soldaten verlassen und nach der Machtübernahme der Hamas ab 2007 zu Land, zu Wasser und in der Luft abgeriegelt. Die Hamas nutzte die Verzweiflung der Bevölkerung, baute Tunnel unter Wohnblocks, Kliniken und Kindergärten und nahm Geld und Raketenteile aus Teheran entgegen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu soll seit 2018 wiederholt über drohende Angriffspläne informiert worden sein, hielt die Islamisten jedoch für beherrschbar.
Am Morgen des 7. Oktober 2023 flogen Hamas-Terroristen mit Gleitschirmen über den Grenzzaun, drangen in 20 Kibbuzim und ein Technofestival ein und töteten in stundenlangen Kämpfen mehr als 1.200 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten. Es war das schlimmste Pogrom an Juden seit dem Holocaust. 251 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt. Israels Regierung reagierte mit einem Rachefeldzug: Netanjahu versprach den totalen Sieg und machte Chan Junis, Rafah und Gaza dem Erdboden gleich. Ende Januar bestätigte Israels Armee mindestens 70.000 Getötete; Gazas Gesundheitsbehörde zählt mehr als 73.000 Tote, darunter über 19.000 Kinder, und mehr als 170.000 Verletzte.
Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Netanjahu und seinen Verteidigungsminister erlassen. Südafrika zitierte die Jerusalemer Regierung vor den Internationalen Gerichtshof, eine UN-Untersuchungskommission kam zum Befund des Völkermords. Israel, einst als sichere Heimstatt für Juden aus aller Welt gegründet, steht als brutaler Aggressor am Pranger. Die Hisbollah verlor ihren Chef Hassan Nasrallah bei einem Bombenangriff in Beirut. Israel und die USA begannen einen Krieg gegen den Iran, den sie bis heute nicht gewonnen haben.
Die Monstrosität der Gewalt erschüttert viele Menschen in Europa. Doch die berechtigte Kritik am maßlosen Feldzug der israelischen Regierung schlägt bei manchen in blinden Antisemitismus um. Jüdische Künstler werden von Bühnen gedrängt, jüdische Studenten bedroht, das Massaker des 7. Oktober als Widerstand verherrlicht. In manchen linken Milieus und Teilen der arabischen Diaspora ist diese Haltung Konsens, in Berlin grassiert sie in der Linkspartei, die bald die neue Regierungschefin stellen könnte.
Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland hat sich seit 2022 mehr als verdreifacht. Im vergangenen Jahr lag sie bei 8.725 dokumentierten Fällen, fast 24 pro Tag. In manchen Stadtteilen Berlins kann man nicht mit einer Kippa herumlaufen, ohne Angriffe zu fürchten. Von einer Spirale der Gewalt zu sprechen, greift zu kurz: Gewalt geschieht nie zwangsläufig, sondern ist immer eine bewusste Entscheidung, die Leben zerstört und einer ganzen Weltregion die Zukunft raubt.