Die Europäische Zentralbank geht mit klaren Markterwartungen in ihre Sitzung am 10. September. Nach der Pause im Juli wird ein Zinsschritt um 25 Basispunkte erwartet. Damit würde der Einlagensatz von 2,25 auf 2,50 Prozent steigen. Die Entscheidung fällt nach einer zweitägigen Sitzung in Berlin und wird um 14:15 Uhr veröffentlicht.
Der wichtigste Grund für die veränderte Lage ist die Inflation. Im Euroraum stieg sie im August auf 3,3 Prozent, nach 2,9 Prozent im Juli. Besonders stark legten die Energiepreise zu: plus 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Dienstleistungsinflation lag dagegen bei 3,0 Prozent. In Deutschland betrug die harmonisierte Inflationsrate 2,9 Prozent.
Damit steht die EZB vor einem klassischen Problem eines Angebotsschocks. Höhere Zinsen können Energie nicht billiger machen. Sie können aber verhindern, dass Unternehmen und Haushalte dauerhaft mit immer höheren Preisen rechnen und dass sich der erste Kostenschub auf weitere Waren, Dienstleistungen und Löhne überträgt.
Im Juni hatte die EZB bereits um 25 Basispunkte angehoben. Im Juli blieb der Einlagensatz bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Das Protokoll der Juli-Sitzung zeigt, dass alle Mitglieder die Pause unterstützten. Damals waren die längerfristigen Inflationserwartungen weiter ungefähr bei zwei Prozent verankert.
Für Deutschland ist die Frage besonders sensibel, weil die Geldpolitik auf eine nur langsam wachsende Wirtschaft trifft. Die Juni-Projektionen des Eurosystems sahen für den Euroraum 2026 lediglich 0,8 Prozent Wachstum. Gleichzeitig sollte die Inflation im Jahresdurchschnitt bei 3,0 Prozent liegen und erst 2028 wieder zwei Prozent erreichen.
Im deutschen Süden und im Grenzraum zur Schweiz zeigt sich die Wirkung über mehrere Kanäle. Unternehmen finanzieren Maschinen, Lager und Expansion teurer. Haushalte spüren höhere Kreditkosten bei neuen Immobilienfinanzierungen. Und exportorientierte Betriebe beobachten, wie sich die Kombination aus Zinsen, Energiepreisen und schwacher Nachfrage auf ihre europäischen Kunden auswirkt. Die EZB selbst meldete bereits im Juli eine rückläufige Nachfrage nach Hypotheken und strengere Kreditstandards im zweiten Quartal.
Der Markt hat den September-Schritt weitgehend vorweggenommen. Am 4. September wurde eine Erhöhung auf 2,50 Prozent vollständig eingepreist. Das bedeutet jedoch nicht, dass der weitere Pfad ebenso sicher ist. Die EZB betont ausdrücklich, dass sie von Sitzung zu Sitzung entscheidet und sich nicht auf eine Zinsfolge festlegt.
Auch die Umfrage der EZB unter professionellen Prognostikern spricht bislang eher für einen begrenzten Straffungszyklus. Der häufigste Wert für den Einlagensatz lag für das vierte Quartal 2026 und das erste Quartal 2027 bei 2,50 Prozent. Danach wurde eine langsame Rückkehr in Richtung zwei Prozent erwartet.
Entscheidend wird deshalb weniger die einzelne Erhöhung am Donnerstag sein als der Ton der neuen Projektionen. Bleibt die Energieinflation hoch und greift auf andere Preise über, kann die EZB weitere Schritte offenhalten. Lässt der Kostenschub nach, ohne die langfristigen Erwartungen zu lösen, dürfte 2,50 Prozent eher zu einem Beobachtungspunkt werden. Für Unternehmen und Haushalte in Deutschland und im Grenzraum wäre das der Unterschied zwischen einem kurzen zusätzlichen Zinsschub und einer deutlich längeren Phase teurer Finanzierung.