Eine Gruppe von Webcam-Zuschauern hat im US-Bundesstaat Washington Informationen gesammelt, die später in eine laufende Polizeiermittlung gegen den 21-jährigen Nikita Tyukalo einflossen. Die Männer waren auf dem Forum SimpCity aktiv und hatten zunächst vor allem die Streamerinnen beobachtet und diskutiert. Dann bemerkten einige von ihnen wiederkehrende Zeichen von Anspannung: blaue Flecken, nervöse Blicke auf die Uhr, Männerstimmen im Hintergrund und plötzliche Verhaltensänderungen, wenn jemand den Raum betrat.
Die Nutzer nannten ihre Gruppe White Knights. Ihre Methoden waren eine Mischung aus problematischem Stalking und klassischer Open-Source-Recherche. Sie verglichen Möbel, Fenster und Ausblicke aus den Streams mit Immobilienanzeigen, suchten Polizeiberichte und versuchten, Personen aus kurzen Kameraauftritten zu identifizieren. Auf diese Weise fanden sie mehrere teure Mietobjekte im Raum Bellevue und kamen schließlich auf Tyukalo.
Tyukalo wurde in Bellevue als Sohn russischer Einwanderer geboren. Zunächst schien sein Weg in den Basketball zu führen. Division-I-Programme interessierten sich für ihn, doch fehlende Schulcredits verzögerten den geplanten Wechsel an die University at Buffalo. Am Garden City Community College verlor er das Interesse am Sport und stieg stattdessen in das Management von OnlyFans-Accounts ein. Aus Luxe Allure wurde später die Struktur Nova Talent Management.
Nach Recherchen von The Cut spielte Andrew Tate dabei eine wichtige Rolle. Tyukalo sah wiederholt Tates „Pimping Hoes Degree“, in der ein Webcam-Geschäft über die Rekrutierung von Frauen und die Kontrolle ihrer Einnahmen erklärt wurde. In sozialen Netzwerken inszenierte Tyukalo seinen Erfolg mit teuren Autos und einer Behauptung, 20 Millionen Dollar wert zu sein. Diese Summe ist nicht unabhängig bestätigt.
Die Staatsanwaltschaft erhebt deutlich schwerere Vorwürfe als aggressives Management. Frauen berichteten laut Anklage von körperlicher Gewalt, Drohungen mit Waffen sowie davon, dass ihnen Passwörter und Einnahmen entzogen worden seien. Vier Frauen sagten, sie seien im Alter von 17 Jahren angeworben und nach ihrem 18. Geburtstag zu expliziten Inhalten gedrängt worden. Tyukalo bestreitet die Vorwürfe und hat auf nicht schuldig plädiert.
Als ein White-Knights-Mitglied am 23. Dezember 2025 die Polizei in Bellevue kontaktierte, teilte ihm ein Ermittler mit, dass bereits ein Verfahren lief. Die Gruppe gab Namen, Adressen und gesammeltes Material weiter, während die Polizei parallel mit möglichen Opfern sprach. KIRO 7 berichtete später, dass auch die Polizei in Kirkland schon im März 2025 ähnliche Vorwürfe untersucht hatte. Diese frühere Untersuchung endete ohne Festnahme, weil Beweise und Mitwirkung nicht ausreichten.
Am 4. Juni 2026 nahm ein SWAT-Team Tyukalo fest. Bei der Durchsuchung wurden mehr als 300 Mobiltelefone und über 50 Laptops gefunden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vier Fälle von Menschenhandel zweiten Grades, Geldwäsche und die Führung einer organisierten kriminellen Gruppe vor. Die Kaution beträgt fünf Millionen Dollar.
Auch das Bild einer vollständigen „Befreiung“ aller Models greift zu kurz. The Cut berichtet, dass einige Frauen später für eine andere Agentur weiterstreamten, die mit einem nicht angeklagten Beteiligten verbunden war. Für deutsche Leser zeigt der Fall vor allem, wie schwer digitale Abhängigkeit zu erkennen ist: Der Arbeitsplatz ist gleichzeitig Wohnung, Account, Zahlungsweg und öffentlicher Livestream. Hinweise können offen sichtbar sein, doch erst das Zusammenspiel von Betroffenen, Ermittlern und externen Beobachtern macht daraus eine belastbare Strafsache.