Die europäischen Nato-Staaten müssen nach Einschätzung zweier Forscherinnen in der Lage sein, russischen Nachschub und Aufmarschgebiete weit hinter der Front anzugreifen. Die Politikwissenschaftlerinnen Margaryta Khvostova und Amelia Hadfield von der britischen University of Surrey kommen in einer am Dienstag veröffentlichten Analyse für die Denkfabrik Center for European Policy Analysis (CEPA) zu dem Schluss, dass Europa im Kriegsfall Russland dauerhaft in der Tiefe treffen können muss – ohne entscheidende Hilfe der USA.
Die Autorinnen plädieren in ihrer sicherheitspolitischen Analyse nicht für einen europäischen Angriffskrieg. Sie beschreiben, wie Europa auf einen russischen Angriff reagieren und Moskau daran hindern könnte, einen schnellen militärischen Erfolg zu erzielen. Dafür dürfe sich die Nato nicht auf die Verteidigung ihrer Grenzen beschränken. Europäische Streitkräfte müssten russische Truppen auch mit dauerhaften Angriffen auf mittlere und große Entfernung treffen können. Ziel sei es, die russischen Frontverbände von Material und Personal abzuschneiden und bereits die Vorbereitung weiterer Angriffe zu stören.
Die Autorinnen verweisen auf den britischen Generalstabschef Roly Walker. Er sagte im Juni, das britisch geführte Allied Rapid Reaction Corps müsse dazu in der Lage sein, was ukrainische Großverbände schon heute leisteten: russische Kräfte mit fortgesetzten Schlägen in der Tiefe schwächen und anschließend an verwundbaren Stellen angreifen. Großbritannien will deshalb im kommenden Jahr deutlich mehr ferngesteuerte und autonome Systeme an die Nato-Ostflanke verlegen. Sie sollen dort innerhalb von 30 Minuten einsatzbereit sein.
Die zugrunde liegende Strategie schließt auch Angriffe auf russischem Staatsgebiet ein. Eine von CEPA herangezogene Analyse des International Institute for Strategic Studies nennt als Ziele unter anderem weitreichende Waffensysteme ebenso wie Luftverteidigung und Kommandozentralen. Aktuell ist die Situation allerdings noch so, dass ohne den Schutz und die militärischen Fähigkeiten der USA europäische Regierungen solche Angriffe vorsichtiger auswählen und stärker politisch kontrollieren müssen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden.
Nach Einschätzung der Expertinnen verfügt die europäische Nato grundsätzlich über genügend Personal und Waffensysteme, um sich einer möglichen russischen Offensive entgegenzustellen. Ohne die USA könnte sie aber weder dauerhaft die Lufthoheit sichern noch Aufklärung, Cyberoperationen und weitreichende Angriffe in amerikanischem Umfang miteinander verbinden. Europa müsste deshalb anders kämpfen: Zunächst gilt es demnach, einen russischen Durchbruch zu verhindern – also einen ersten Angriff aufzufangen. Anschließend müsste Europa seine größere Wirtschafts- und Industriekraft und damit seinen längeren Atem ausspielen. Für Europa ist es nach Einschätzung der Expertinnen von Vorteil, länger durchzuhalten als Russland.
Einzelne Bausteine dieser Strategie setzen europäische Staaten bereits um. Frankreich hat 5.000 weitere kleine Militärdrohnen bestellt. Deutschland trainiert, Kampfjets auf zivile Flughäfen zu verteilen, damit sie nicht auf wenigen bekannten Stützpunkten ausgeschaltet werden können. Polen baut an seiner Ostgrenze eine mehrschichtige Drohnenabwehr auf.
Das entscheidende Problem ist nach Ansicht der Autorinnen jedoch nicht die Zahl der Waffen. Die nationalen Systeme müssen demnach miteinander verbunden werden, um effektiv zu sein. Ein Beispiel: Schwedische Aufklärungsflugzeuge müssten etwa Ziele für polnische oder norwegische Raketenverbände liefern können. Hinzu kämen gemeinsame Kommunikationswege, ausreichend Munition, geschützte Logistik und politische Regeln, die im Ernstfall schnelle Entscheidungen ermöglichen.
Bleibt diese Abstimmung aus, hätte Europa laut der Analyse zwar viele moderne Waffen, aber keine Streitmacht, die Russland ohne amerikanische Hilfe zuverlässig in der Tiefe treffen und einen längeren Krieg durchhalten könnte.