Russische Desinformationskampagnen zielen nicht nur darauf ab, Falschmeldungen zu verbreiten. Sie sollen das Vertrauen der Menschen in ihren eigenen Staat erschüttern. Das berichtet Tomas Čeponis, Stabsfeldwebel der litauischen Streitkräfte und Experte für hybride Bedrohungen sowie strategische Kommunikation, im Gespräch mit t-online. Die ersten Warnzeichen seien keine Panzer am Horizont gewesen, sondern Veränderungen im Informationsraum: Russischsprachige Zeitungen tauchten wieder auf, ebenso Filme und Kulturveranstaltungen – oft rund um nationale Feiertage Litauens.
Čeponis arbeitet heute in der Abteilung für strategische Kommunikation der litauischen Streitkräfte. Diese Struktur, kurz Stratcom, wurde innerhalb der Nato entwickelt und gilt als eine der ältesten Spielarten psychologischer Kriegsführung. Sie dient nicht nur der Abwehr feindlicher Einflussnahme, sondern auch der Beeinflussung und Abschreckung von Gegnern. Litauen gehört zu den ersten Ländern, die solche Fähigkeiten fest in ihren Streitkräften verankert haben. Ein Grund dafür war der Weg des Landes in die Nato, ein anderer die Erkenntnis spätestens 2009, dass Russland seine Desinformation, Propaganda und psychologischen Operationen entweder wieder aufgenommen oder fortgesetzt hatte.
Der Offizier betont, dass Russland diese Aktivitäten seit Jahrhunderten betreibe – während der Zarenzeit ebenso wie in der gesamten Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten westliche Länder fälschlich angenommen, Moskau habe diese Praxis eingestellt. Tatsächlich aber habe Russland weiterhin versucht, Gesellschaften zu beeinflussen, die es als «nahes Ausland» betrachte. Litauen sei aus russischer Sicht leider Teil dieser Sphäre. Die Analyse des Informationsraums – Fernsehen, Radio, Zeitungen, lokale Influencer und ungewöhnliche kulturelle Aktivitäten – habe nach und nach ein Muster offenbart.
Besonders auffällig war die Entwicklung bei russischsprachigen Printmedien. Einige Jahre lang habe es in Litauen keine solchen Zeitungen gegeben. Später seien sie plötzlich erschienen, zunächst gegründet von litauischen Unternehmern. Schließlich habe jemand diese Zeitungen gekauft, woraufhin sich ihre redaktionelle Ausrichtung in verdächtiger Weise verändert habe. Auch im kulturellen Bereich stellten die Behörden Veränderungen fest: Während der sowjetischen Besatzung hatten sich die Litauer weitgehend von der russischen Kultur abgewandt. Nach der Unabhängigkeit kamen sowjetische Filme und Musik jedoch zurück, und es gab immer mehr russischsprachige Kulturveranstaltungen – häufig rund um wichtige nationale Feiertage.
Aus diesen Beobachtungen zogen die litauischen Streitkräfte Konsequenzen. Sie begannen, die eigene Informationsumgebung systematisch zu analysieren und Schutzstrukturen aufzubauen. Dabei setzten sie auf ein Netzwerk mit anderen Behörden, darunter das Außenministerium, das bereits ähnliche Erkenntnisse gewonnen hatte. Später kamen Verbindungen zur Wissenschaft hinzu: An litauischen Universitäten fanden sich Fachleute, die Desinformation und Propaganda akademisch erforschten. Bereits in den frühen 2000er-Jahren waren wissenschaftliche Bücher über russische Desinformation erschienen. Čeponis räumt ein, dass er damals schwer glauben konnte, dass Russland ein derart eng kontrolliertes Informationssystem etablieren würde.
Die russischen Methoden betreffen nach Einschätzung des Experten auch Deutschland. Die systematische Untergrabung von Vertrauen in staatliche Institutionen, Medien und demokratische Prozesse sei kein auf Litauen beschränktes Phänomen. Demokratien müssten ihre Informationsräume daher genau beobachten und frühzeitig Gegenmaßnahmen entwickeln. Litauen habe aus seiner Geschichte gelernt und früh reagiert – andere Länder könnten von diesen Erfahrungen profitieren.