Der YouTuber Matthäus Westfal, bekannt als „Aktivist Mann“, gerät zunehmend in die Kritik – auch bei der AfD, deren Wahlkampfveranstaltungen er regelmäßig mit seiner Kamera begleitet. Nach einem Vorfall in Merseburg, bei dem Westfal einem Reporter von Spiegel TV körperlich entgegentrat und Sprechchöre wie „Der Spiegel muss weg“ und „Lügenpresse“ anstimmte, sieht sich die Partei zu einer Klarstellung veranlasst.
Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, betonte auf Anfrage, dass es bei Veranstaltungen ein Niveau geben müsse, „auf dem alle vernünftig arbeiten können“. Man habe mit den Beteiligten gesprochen. „Wenn dagegen verstoßen wird, dann sprechen wir mit diesen Leuten“, sagte Siegmund. Er verwies zugleich auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung: Niemand dürfe mit Gewalt an seiner Arbeit gehindert werden.
Westfal, der sich selbst als „Gonzojournalist“ bezeichnet, war in der Coronazeit durch Auftritte bei Protesten bekannt geworden. Am 29. August 2020 filmte er an der Spitze der Menschenmenge, die versuchte, die Treppen des Reichstagsgebäudes zu stürmen. Dabei rief er den Polizisten „Presse, wir sind Presse“ zu und dirigierte zugleich die Demonstranten um sich herum. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen führte ihn im Bericht für 2022 als „relevanten Multiplikator in der Szene der Delegitimierer“ mit Kontakten in die rechtsextremistische Szene.
In Merseburg eskalierte die Situation am Samstag. Westfal stellte sich einem Spiegel-TV-Reporter in den Weg, stieß ihn nach eigenen Angaben mit der Schulter, nachdem er touchiert worden war, und schrie ihn an. Später stimmte er mit einer Gruppe junger Leute Sprechchöre gegen das Medium an, während das Kamerateam hinter einem Polizeifahrzeug Schutz suchte. Bereits Tage zuvor war Westfal an einem Stand der Linken ähnlich aufgetreten.
Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen der AfD. Hans-Thomas Tilschneider, ein einflussreicher Politiker der Partei und Mitgründer der „Patriotischen Plattform“, schrieb auf der Plattform X, er finde Westfal „unmöglich“. Er habe „schon in Querfurt körperlich höchst aufdringlich Interviews gestört“. Tilschneider spekulierte sogar über einen Auftrag als „agent provocateur“, löschte den Beitrag jedoch später. Auf Nachfrage wollte er sich nicht äußern.
Die Distanzierung ist bemerkenswert, weil Siegmund dem Streamer noch eine Woche zuvor ausdrücklich gedankt hatte. Im Podcast „Ben ungeskriptet“ lobte er, dass Westfal ihm nachreise und Bürger dadurch „ungefiltert“ den Wahlkampf verfolgen könnten. Auch die Begegnung mit einem Reporter der ZDF-Satiresendung „Heute Show“ nannte Siegmund als Beispiel dafür, wie wichtig Live-Übertragungen seien, um „solche Berichterstattungen im Öffentlich-Rechtlichen entstehen“ zu sehen.
Westfal sorgte zuletzt auch mit einer Frage für Empörung, die er an einen anderen YouTuber richtete: „Was ist mit Dir los? Bist Du Jude, oder was?“ Der Streamer arbeitet neben seinem eigenen Kanal für das rechte Portal „Deutschlandkurier“ und bewarb in einem Video ein Shirt mit dem Aufdruck „Remigration“ aus dem Shop eines rechten Medienportals. Ein Lokaljournalist der „Altmark Zeitung“ konfrontierte ihn kürzlich scharf: „Sie sind ein YouTube-Dödel, der sich mit mir über Framing unterhalten will.“
Ob Westfal seine Auftritte künftig anpasst, ist offen. Er selbst kündigte an, ruhiger werden zu wollen. Die AfD steht vor der Frage, wie sie mit einem Unterstützer umgeht, der ihr im Wahlkampf schaden könnte.