Netflix bringt John Steinbecks Roman «East of Eden» als Miniserie auf den Bildschirm. Die Adaption stammt von Schauspielerin und Drehbuchautorin Zoe Kazan, deren Großvater Elia Kazan 1955 die gefeierte Kinoversion des Stoffs inszenierte. Die Serie startet am 1. Oktober und erzählt eine düstere, generationenübergreifende Geschichte über Schuld, Rivalität und die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft.
Im Zentrum steht Cathy Ames, gespielt von Florence Pugh. Die Serie beginnt damit, wie die schwer verletzte Cathy über die Schwelle des Hauses der Brüder Trask kriecht. Adam und Charles Trask nehmen die Fremde auf, doch schon bald streiten sie über ihre Motive, während Cathy oben lauscht. Pugh lasse das Publikum bewusst im Unklaren darüber, was hinter den Augen ihrer Figur vorgeht, heißt es in Kritiken. Christopher Abbott spielt Adam mit zurückhaltender Verletzlichkeit, Mike Faist gibt Charles als aufbrausenden Gegenpol.
Die Handlung folgt den Brüdern, deren Kindheit von einem Bürgerkriegsveteranen geprägt war. Der Vater schickte den schüchternen Adam in den Krieg und ließ Charles die Farm bewirtschaften. Fünfzehn Jahre später entdecken die entfremdeten Brüder, dass ihnen ihr Vater ein kleines Vermögen hinterlassen hat. Ihr Streit darüber, wie das Geld zu verwenden sei, wird durch Cathys Ankunft weiter angeheizt. Cathy verfolgt eigene Pläne: Sie verführt Adam und heiratet ihn, um an Geld zu gelangen, doch als ihr seine Zukunftspläne nicht passen, geht sie ihren eigenen, zerstörerischen Weg.
Die Serie scheut auch vor drastischen Szenen nicht zurück. In einer Sequenz wird Cathy von ihrem gewalttätigen Liebhaber fast zu Tode geprügelt. Später versucht sie, eine Abtreibung mit einer Stricknadel durchzuführen, während Adam ahnungslos nach einem gemeinsamen Traumhaus sucht. Ein Arzt droht ihr zunächst mit Anzeige und rät ihr, keine «schmutzigen Tricks» mehr zu versuchen. Auch Adam, der als guter Mann gilt, macht ihr unmissverständlich klar, dass er über ihr Leben bestimmt: «Mit der Zeit wirst du glücklich sein», sagt er und erklärt seinen Plan, nach Kalifornien zu ziehen. Was Cathy selbst will, spielt dabei keine Rolle.
Mit dem Umzug von Connecticut ins Salinas Valley verändert sich auch die Bildsprache der Serie: von sanften Grüntönen zu warmen, sonnendurchfluteten Brauntönen. Dort treffen die Zuschauer auf Lee, gespielt von Hoon Lee, und Samuel Hamilton, dargestellt von Ciarán Hinds. Auch Cathy und Adams Kinder Cal und Aron treten auf und scheinen dazu verdammt, die Sünden ihrer Eltern zu erben. Die Erzählung bleibt durchweg literarisch: eine ausgedehnte Geschichte, die zur weiten Landschaft und zum Versprechen des amerikanischen Traums passt.
Kazan gelingt nach Einschätzung von Kritikern eine würdige Nachfolge des Klassikers ihres Großvaters. Ihre Cathy ist vielschichtiger als die gefallene Frau der Buchvorlage: eine Figur, die für die Zuschauer ebenso undurchschaubar bleibt wie für die beiden Männer, die ihr verfallen sind. Zugleich zeigt die Serie, wie sehr Cathy unter den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit leidet, die bis in die Gegenwart nachwirken. «East of Eden» ist damit eine Adaption für ein Publikum des 21. Jahrhunderts, die die düstere Wucht der Vorlage bewahrt.