Ein russischer Angriff auf ein Objekt der kritischen Energieinfrastruktur hat in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und ihrem Umland die Stromversorgung teilweise zusammenbrechen lassen. Wie das ukrainische Energieministerium mitteilte, seien Verbraucher in Teilen der Stadt und der Region ohne Strom. Mit der Wiederherstellung werde begonnen, sobald die Sicherheitslage es zulasse. Zuvor war in der Hauptstadt, ihrem Umland und weiteren Landesteilen Drohnenalarm ausgelöst worden.
Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko ist der Wasserdruck in mehreren Stadtteilen niedrig, nachdem eine Energieanlage in der Region Kiew beschädigt wurde. Zudem stürzten Drohnentrümmer auf das Grundstück eines Privathauses, im Erdgeschoss brach ein Feuer aus. Die genauen Schäden an der Energieinfrastruktur und die Zahl der betroffenen Haushalte blieben zunächst unklar.
Unterdessen hat US-Präsident Donald Trump die Wiederaufnahme ukrainischer Angriffe auf russische Raffinerien scharf kritisiert. «Ich halte das für eine Schande», sagte Trump am Donnerstag dem Sender Newsmax. Durch die Attacken würden die weltweiten Energiepreise in die Höhe getrieben. Trump bekräftigte seine Kritik an Präsident Wolodymyr Selenskyj und warf ihm vor, weniger Verhandlungsbereitschaft zu zeigen als Kremlchef Wladimir Putin. Der Krieg müsse bald enden, betonte Trump. «Ich glaube, eigentlich möchten beide, dass er endet», fügte er hinzu. «Aber ich finde, dass der Umgang mit Selenskyj schwieriger ist als der mit Putin.»
In der südrussischen Region Rostow haben ukrainische Drohnen nach Angaben des Gouverneurs Juri Sljussar Industrie- und Lageranlagen getroffen und einen Brand ausgelöst. Bei dem Angriff sei ein Mann verletzt worden, schrieb Sljussar im Onlinedienst Telegram.
Im Schwarzen Meer sind bei einem Drohnenangriff vor der rumänischen Küste zwei Chemikalientanker in Brand geraten. Sieben Seeleute werden vermisst, wie die rumänischen Behörden am Donnerstag mitteilten. Einem Nato-Militärvertreter zufolge stammten die Drohnen aus Russland. Der rumänische Präsident Nicusor Dan bestätigte die Drohnenangriffe, vermied es jedoch, Russland direkt als Verantwortlichen zu benennen. Die beiden Schiffe ankerten nahe der Mündung des Sulina-Kanals, einer für die Ukraine wichtigen Exportroute über die Donau. Eines der Schiffe befand sich in rumänischen Hoheitsgewässern, das andere knapp außerhalb.
In den vergangenen zehn Tagen wurden mindestens fünf weitere Frachtschiffe nahe der Küsten der Nato-Mitglieder Rumänien und Bulgarien getroffen. Nach Angaben örtlicher Behörden gelten mindestens 23 Seeleute als vermisst oder tot. «Die Lage im Schwarzen Meer ist ernst», sagte Präsident Dan. Nato-Generalsekretär Mark Rutte erklärte nach einem Treffen mit Dan und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Rumen Radew, das Bündnis werde seine Abschreckungs- und Verteidigungsposition bei Bedarf anpassen.
Wegen der wiederholten russischen Angriffe auf die ukrainischen Schwarzmeerhäfen ist Kiew zunehmend auf die Donauhäfen und Schifffahrtsrouten nahe der Küsten Rumäniens und Bulgariens angewiesen. Die zunehmenden Angriffe auf Handelsschiffe schüren Sorgen über die Getreideexporte aus der Region. Die rumänische Außenministerin Oana Toiu bezeichnete das Schwarze Meer kürzlich als «das derzeit tödlichste Meer, was die Zahl der Opfer unter Seeleuten in den letzten Monaten angeht». Dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radew zufolge wollen die EU-Staats- und Regierungschefs über ein mögliches Moratorium für Angriffe auf zivile Schiffe im Schwarzen Meer beraten.
Der russische Regierungsgegner Michail Chodorkowski äußerte sich unterdessen in Berlin skeptisch, dass der Ukraine-Krieg und der Großkonflikt zwischen Russland und Europa enden werden, solange Putin an der Macht sei. «Wird Putin im Amt sterben? Sehr wahrscheinlich», sagte Chodorkowski über den 74-jährigen Kremlchef. Bestenfalls könne es gelingen, den Krieg einzufrieren und eine begrenzte Deeskalation zu erreichen. Er erwarte, dass nach Putin Institutionen wie der russische Sicherheitsrat, das Parlament und die Regionen wieder mehr Einfluss gewinnen. Dies werde keine Demokratisierung in westlichem Sinne sein, für die Russen werde es aber spürbar leichter sein.