Ukrainische Drohnen haben innerhalb von vier Tagen drei Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex angegriffen und damit nach Einschätzung von Fachleuten eine empfindliche Stelle der russischen Digitalwirtschaft getroffen. Betroffen waren Standorte in Sasowo, Kaluga und Wladimir, die Hunderte Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegen. In Sasowo brach nach dem Angriff am Donnerstag Feuer aus, die Anlage in Wladimir musste am Sonntag vollständig schließen.
Yandex gilt als das «russische Google» und betreibt die wichtigste Suchmaschine des Landes, den Kartendienst Yandex Maps, den Fahrdienst Yandex Go sowie Cloud-Dienste für zahlreiche Unternehmen. In den Rechenzentren sollen sich nach früheren Angaben des Konzerns Supercomputer befunden haben, mit denen Yandex KI-Modelle entwickelt. Ob die Hochleistungsrechner noch funktionieren, ist unklar. Yandex erklärte lediglich, der Umfang der Schäden an der Infrastruktur werde noch untersucht. Zum Zustand der Supercomputer äußerte sich das Unternehmen nicht.
Sollten die Rechner zerstört sein, hätte Russland ein erhebliches Problem: Die benötigten Hochleistungschips sind wegen westlicher Exportkontrollen nur mit großem Aufwand zu beschaffen. Das Institute for the Study of War (ISW) rechnet deshalb mit Verzögerungen beim Ersatz. Die russische KI-Entwicklung könnte dadurch langfristig zurückgeworfen werden. Geld allein kann den Schaden nach Einschätzung von Beobachtern nur schwer beheben.
Die Auswirkungen sind bereits jetzt messbar. Eine vom ISW zitierte Messung der Organisation Internet Outage Detection and Analysis zeigt, dass die Antwortkapazität des Yandex-Cloud-Netzes für externe Verbindungen seit dem ersten Angriff um rund 78 Prozent gesunken ist. Verlässliche Rückschlüsse auf die Zahl zerstörter Server lassen sich daraus zwar nicht ziehen, doch die Erreichbarkeit brach massiv ein.
Auch Kunden des Konzerns spüren die Folgen. Die Dating-App Pulse mit 8.000 Nutzern war nach dem Angriff nicht mehr zu öffnen. Betreiber Alexander Sawizki sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er habe auch keinen Zugriff auf die Datensicherung gehabt. «Wir haben keine Bestätigung, dass tatsächlich Daten verloren gegangen sind. Aber die Lage ist ernst: In dem Projekt stecken drei Jahre Arbeit», so Sawizki. Pulse fürchtet, Kunden dauerhaft zu verlieren. Auch die Webseite der russischen Eisenbahn war gestört. Die Immobilienplattform Cian, das Buchportal Litmarket und die Webseite des Fußballklubs Spartak Moskau meldeten ebenfalls Probleme. Bei einem staatlichen Busunternehmen im Moskauer Umland fiel der Online-Ticketverkauf aus.
Yandex versucht, die Rechenlast über andere Standorte aufzufangen. Doch mit jedem weiteren Angriff wird das schwieriger. Die Analystin Maryana Lazaricheva warnte bei Reuters: «Wenn die Angriffskette anhält, entfällt diese Möglichkeit.» Die Folgen zeigen sich auch am Aktienmarkt: Die Yandex-Aktie gab zeitweise um mehr als vier Prozent nach. Der Digitalexperte Sarkis Darbinjan erklärte dem Exilmedium Meduza, ein vollständiger Zusammenbruch des russischen Internets sei dennoch nicht zu erwarten, da große Anbieter ihren Datenverkehr umleiten könnten. Jeder weitere Treffer belaste jedoch die Reserven und erhöhe die Reparaturkosten.
Die Angriffe auf die digitale Infrastruktur sind Teil einer ukrainischen Strategie, die neben Raffinerien und Logistikzentren zunehmend auch russische Technologieziele ins Visier nimmt. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Russland habe zuvor ukrainische Rechenzentren angegriffen: «Wir reagieren immer spiegelbildlich.» Zugleich wächst der politische Druck auf Kiew, seine Angriffe auf die russische Wirtschaft einzuschränken. US-Präsident Donald Trump hatte am Sonntag überraschend eine sofortige Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen verkündet und behauptet, beide Kriegsparteien hätten zugestimmt. Aus Moskau kam zunächst keine Bestätigung. Selenskyj erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Axios, die Ankündigung sei für ihn neu. Die Ukraine sei zu einer solchen Vereinbarung bereit, sofern Russland ebenfalls mitmache.
Nach ukrainischen Angaben griff Russland jedoch nach Trumps Erklärung ein Heizkraftwerk in Charkiw an. Von einer allgemeinen Waffenruhe ist ohnehin keine Rede. An der Front in der Ostukraine dauern die Kämpfe unvermindert an. Am Sonntag meldete der ukrainische Generalstab bis 22 Uhr 231 Gefechte, die meisten bei Kostjantyniwka und Pokrowsk. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Russland will vor allem den ukrainischen Verteidigungsgürtel aus Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk in der Region Donezk erobern, über die wichtige Nachschubwege verlaufen.