Die neue Verhandlungsrunde um die Straße von Hormus ist für Deutschland und die Schweiz vor allem ein wirtschaftliches Risikosignal. Der Schiffsverkehr ist nicht vollständig zum Erliegen gekommen, doch die Bedingungen für eine dauerhafte Normalisierung werden schwieriger. Iran hat die vollständige Öffnung der Meerenge an weitreichende politische und finanzielle Forderungen gegenüber den USA geknüpft.
Das Wall Street Journal berichtet, Präsident Donald Trump habe die vollständige Öffnung von Hormus zuletzt als möglichen Endpunkt des Krieges betrachtet. Nach Angaben amerikanischer Regierungsvertreter soll er intern sogar erwogen haben, den Konflikt ohne separates Nuklearabkommen zu beenden, wenn Teheran den freien Schiffsverkehr vollständig wiederherstellt.
Für Washington wäre das ein klar messbares Ergebnis. Ein offener Seeweg senkt das Risiko für den Ölmarkt, erleichtert Transporte und lässt sich politisch einfacher erklären als ein komplexes Abkommen über Urananreicherung und Kontrollen. Genau diese Priorität versucht Iran nun offenbar als Verhandlungshebel zu nutzen.
Der iranische Oberste Nationale Sicherheitsrat verlangte am Samstag, die USA müssten Drohungen gegen Iran einstellen, den Krieg gegen Iran und dessen Verbündete dauerhaft beenden, die Seeblockade aufheben und amerikanische Streitkräfte aus der Umgebung Irans abziehen. Zusätzlich fordert Teheran vollständigen Ersatz für Kriegsschäden, die Aufhebung der Sanktionen und die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte.
Damit wird aus einer Frage der Schifffahrt ein Paket über zentrale Bestandteile der amerikanischen Iran-Politik. Für Unternehmen bedeutet das, dass eine schnelle und dauerhafte Normalisierung schwerer planbar ist. Je mehr Themen miteinander verknüpft sind, desto größer ist das Risiko, dass eine Einigung an einem einzelnen Streitpunkt scheitert.
Die Größenordnung der Meerenge erklärt die wirtschaftliche Bedeutung. Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA wurden im ersten Quartal 2026 täglich rund 14,6 Millionen Barrel Rohöl und Mineralölprodukte durch Hormus transportiert. Im vierten Quartal 2025 waren es rund 20,7 Millionen Barrel pro Tag. Frühere Störungen trugen laut EIA im zweiten Quartal zu stark schwankenden Ölpreisen bei.
Europa ist auch dann betroffen, wenn einzelne Raffinerien ihr Öl nicht direkt aus dem Golf beziehen. Öl wird global gehandelt. Wenn große Exportmengen schwieriger oder teurer auf den Markt kommen, reagieren Preise, Frachtraten und Versicherungen weltweit. In Deutschland und der Schweiz kann das über Kraftstoff, Flugverkehr, Logistik und energieintensive Produktion weitergegeben werden.
Aktuell fließt weiterhin Öl. Axios berichtet unter Berufung auf einen US-Beamten, dass etwa acht Millionen Barrel pro Tag über die südliche Fahrspur der Meerenge aus dem Golf gelangen, koordiniert mit dem US-Militär. Das begrenzt den unmittelbaren Angebotsdruck, schafft aber noch keinen normalen kommerziellen Zustand.
Parallel verhandeln Iran und Oman über neue Schifffahrtsrouten. Associated Press berichtet, die Gespräche seien in der Endphase. Teheran betont jedoch, dass eine solche technische Regelung nicht automatisch die vollständige Öffnung der Meerenge bedeute. Die politischen Bedingungen blieben bestehen.
Für Unternehmen ist diese Unterscheidung entscheidend. Ein Tanker kann heute fahren, während der Versicherer für nächste Woche trotzdem ein erhöhtes Risiko kalkuliert. Investitionen und Lieferverträge brauchen vorhersehbare Regeln, nicht nur kurzfristige Durchfahrtsfenster. Solange die politische Einigung fehlt, bleibt ein Teil der Risikoprämie im Markt.
Die USA halten ihrerseits an der Seeblockade fest. Washington setzte sie Mitte Juli wieder in Kraft, und Trump erklärte später im Monat, sie bleibe bestehen. Iran verlangt nun ihre Aufhebung. Damit prallen zwei wirtschaftliche Instrumente direkt aufeinander: amerikanische Blockade als Druckmittel gegen Teheran und iranischer Einfluss auf Hormus als Druckmittel gegen Washington.
Trump zeigte sich am Sonntag gegenüber Axios zurückhaltender als zuvor. Er sagte, die USA würden die Konfrontation derzeit herunterfahren und nur teilweise verhandeln. Zugleich verwies er auf Irans Inflation und finanzielle Probleme. Washington setzt damit offenbar darauf, dass der wirtschaftliche Druck mit der Zeit stärker wirkt.
Iran setzt auf die gegenteilige Rechnung. Gregory Brew von Eurasia Group sagte dem Wall Street Journal, Teheran glaube, Trump wolle aus dem Krieg heraus und konzentriere sich auf die Öffnung der Meerenge. Wenn diese Einschätzung stimmt, hat Iran einen Anreiz, seine Forderungen nicht schnell zu reduzieren.
Für den deutschsprachigen europäischen Raum bleibt deshalb weniger die nächste dramatische Schlagzeile entscheidend als die Stabilität des tatsächlichen Schiffsverkehrs. Steigen die Volumen dauerhaft und sinkt das militärische Risiko, können Energiepreise und Transportkosten profitieren. Bleibt Hormus dagegen Teil eines täglichen politischen Tauziehens, bleibt auch die Unsicherheit in den Kalkulationen von Unternehmen und Verbrauchern erhalten.