Kurz vor seiner Abreise aus Bischkek soll Wladimir Putin ungewöhnlich große Angst vor dem Weiterflug nach Wladiwostok gezeigt haben. Das berichtet eine vertrauliche Quelle, die Vorgänge rund um das Ende des Besuchs in der kirgisischen Hauptstadt beobachten konnte. Der Informant gehörte nicht zum russischen Personenschutz, kannte keine internen Gespräche mit dem Föderalen Schutzdienst und hörte Putin nicht sagen, er habe Angst vor dem Fliegen. Seine Aussage betrifft deshalb den äußeren Eindruck: Verhalten und Abläufe rund um die Abreise wirkten auf ihn deutlich angespannter als bei einem gewöhnlichen Programmpunkt.
Der Zeitpunkt erklärt, warum dieser Eindruck politisch relevant ist. Am Abend des 1. September wandte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an Fluggesellschaften, Versicherer und Staaten, die den russischen Luftraum weiter nutzen. Er betonte, die Ukraine bedrohe keine Zivilflugzeuge. Zugleich kündigte er an, dass mehr ukrainische Drohnen über Russland auftauchen würden, und erklärte, die sicheren Tage am russischen Himmel seien vorbei.
Selenskyj nannte außerdem Wladiwostok. Nach seinen Angaben hatte eine andere globale Macht die Ukraine zuvor gebeten, Angriffe in Richtung Wladiwostok für einen bestimmten Zeitraum auszusetzen. Kiew habe dieser Bitte entsprochen. Für Putin war das keine weit entfernte Ortsangabe: Nach öffentlichen Reiseplänen sollte er nach dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und seiner Pressekonferenz direkt von Bischkek nach Wladiwostok fliegen. Dort war für den 2. und 3. September ein Programm im Fernen Osten und beim Östlichen Wirtschaftsforum vorgesehen.
Putin erfuhr noch in Bischkek von Selenskyjs Warnung. Auf der nächtlichen Pressekonferenz wurde er darauf angesprochen. Er sagte, eine solche Erklärung könne als Antrag auf Staatsterrorismus verstanden werden, und kündigte eine russische Antwort an, falls entsprechende Tragödien eintreten sollten. Reuters berichtete zudem, Putin habe eingeräumt, dass ukrainische Angriffe innerhalb Russlands realen Schaden anrichteten, und Drohnen als besondere Herausforderung bezeichnet.
Damit war die Gefahr aus Sicht des Kremls nicht nur Propaganda. Drohnenangriffe haben den russischen Luftverkehr bereits mehrfach gestört. Bei einem großen Angriff auf die Region Moskau im August wurden Flüge an Moskauer Flughäfen zeitweise eingeschränkt. Für die Flugsicherheit reicht schon eine unklare Drohnenlage aus, um Starts und Landungen zu stoppen oder Routen zu verändern. Eine direkte Attacke auf ein Passagierflugzeug ist dafür nicht notwendig.
Auch Putins Reiseorganisation ist seit Jahren auf Abschirmung ausgelegt. Der frühere FSO-Mitarbeiter Gleb Karakulow erklärte gegenüber dem Dossier Center, der Präsidentenzug habe gegenüber dem Flugzeug den Vorteil, schwerer über offene Informationsdienste verfolgt werden zu können. Karakulows Einschätzungen sind die Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters und kein Beleg dafür, welche Entscheidungen in Bischkek getroffen wurden. Sie zeigen aber, welchen Stellenwert die Geheimhaltung von Putins Bewegungen hat.
Die Quelle in Bischkek weiß nicht, ob der Personenschutz eine andere Route prüfte, zusätzliche Sperrungen verlangte oder eine Verzögerung erwog. Öffentlich gibt es keinen Beleg dafür, dass Putin den Flug absagen wollte. Der englischsprachige Kreml-Kanal teilte später mit, Putin habe Bischkek verlassen und sei am Flughafen Manas vom kirgisischen Präsidenten Sadyr Dschaparow verabschiedet worden.
Übrig bleibt eine ungewöhnliche zeitliche Kette. Selenskyj warnte vor mehr ukrainischen Drohnen über Russland und erwähnte Wladiwostok. Putin reagierte darauf noch vor seiner Abreise mit scharfen Worten und erkannte zugleich das Drohnenproblem als real an. Wenige Stunden später musste er selbst in ein Flugzeug steigen, dessen Ziel genau in jener Richtung lag.
Das beweist nicht, was Putin empfand. Es erklärt jedoch, warum der Beobachter in Bischkek die Szene als Angst wahrnahm. Der Krieg, dessen Folgen für den russischen Luftverkehr bisher vor allem Passagiere, Flughäfen und Regionen spürten, berührte in dieser Nacht auch die persönliche Bewegungsfreiheit des Präsidenten.