Mychajlo Fedorows jüngste Warnung ist weniger wegen des Wortes Niederlage ungewöhnlich als wegen des Tempos, mit dem sich seine eigene Einschätzung verändert hat. Der frühere ukrainische Verteidigungsminister sagte Reuters, die Ukraine wirke derzeit so, als verliere sie den Krieg schrittweise. Gleichzeitig betonte er, dass das Land weiterhin alle Chancen habe, die Entwicklung zu drehen.
Fedorow gibt Kiew dafür nur wenige Monate. Er macht nicht allein die Frontlage verantwortlich, sondern eine Kombination aus fehlender Gesamtstrategie, zu langsamer militärischer Innovation, Korruption, Patronagenetzwerken und politisch abhängigen Institutionen. Den ukrainischen Staat bezeichnete er in seiner zugespitzten Bewertung als nur zu fünf Prozent effektiv. Seine Lösung besteht aus einem technologisch stärker integrierten Krieg: autonome Drohnen, günstige Abfangraketen, eigene ballistische Fähigkeiten und ein dichteres Netz elektronischer Sensoren.
Gerade diese Diagnose steht im starken Gegensatz zu Fedorows Auftritt vom 23. Juli. Damals sagte er, seine Mannschaft habe in sechs Monaten im Verteidigungsministerium dazu beigetragen, dass die Ukraine erstmals seit Jahren wieder die Initiative übernehme. Er sprach von einem Zeitfenster, in dem Russland aus einer Position der Stärke zum Frieden gezwungen werden könne.
Im August ist aus diesem Zeitfenster eine Frist geworden. Nun warnt Fedorow, dass Kiew nur einige Monate habe, um die Richtung zu ändern. Das Präsidentenbüro griff diesen Widerspruch in seiner Reaktion auf Reuters auf: Als Minister habe Fedorow den Kriegsverlauf positiv bewertet; geändert habe sich seitdem vor allem sein persönlicher Status.
Damit wird aus der militärischen Analyse eine Debatte über politische Glaubwürdigkeit. Fedorow ist nicht mehr Teil der Regierung, seine Entlassung hatte Proteste in Kiew und anderen Städten ausgelöst, und seine öffentlichen Aussagen werden zunehmend als eigenständige politische Position wahrgenommen. Das bedeutet nicht, dass seine militärischen Argumente deshalb falsch sind. Es bedeutet aber, dass sie nicht von seiner neuen Rolle getrennt werden können.
Ein ähnliches Muster war 2023 bei Oleksii Arestowytsch zu beobachten. Der damalige nicht fest angestellte Berater des Leiters des Präsidialamts trat im Januar zurück. Wenige Tage später stellte er öffentlich infrage, ob ein ukrainischer Sieg als garantiert gelten könne, und verwies ausdrücklich darauf, nun als inoffizielle Person zu sprechen. Die Parallele besteht in der Veränderung des Tons nach dem Ausscheiden aus dem Machtapparat; sie ist kein Beweis für gleiche Motive.
Fedorows Fall ist institutionell gewichtiger. Er leitete das Verteidigungsministerium und erklärte im Juli selbst, dass Präsident, Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber die drei Positionen seien, die den Kriegsverlauf tatsächlich bestimmten. Wer aus einer solchen Funktion heraus eine staatliche Effizienz von fünf Prozent beklagt, muss sich deshalb auch an der eigenen Amtszeit messen lassen.
Die Reform der territorialen Rekrutierungszentren zeigt diese Spannung. Die Militär-Ombudsfrau Olha Reshetylova erklärte nach Fedorows Abgang, ihr Büro habe monatelang Reformvorschläge mit seinem Team besprochen, aber keine wirksamen Veränderungen jenseits von Ankündigungen gesehen. Daraus folgt jedoch nicht, dass genau diese Reform der alleinige Grund für seine Entlassung war.
Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte einen breiteren Konflikt. Fedorow und der damalige Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj hätten nicht wirksam zusammenarbeiten können; zugleich seien Probleme an der Front, in den Brigaden und bei der Mobilisierung ungelöst geblieben. Fedorow selbst sagte später, der Streit mit dem Generalstab sei ihm als offizieller Grund genannt worden. Zusätzlich vermutete er Widerstand von Gruppen, deren Interessen durch Änderungen im Beschaffungswesen berührt wurden.
Auch historisch ist eine Korrektur wichtig. Es ist nicht das erste Mal seit 2022, dass ein ukrainischer Spitzenpolitiker öffentlich vor einer Niederlage warnt. Selenskyj sagte im April 2024, die Ukraine werde den Krieg verlieren, wenn der US-Kongress die notwendige Hilfe nicht bewillige. Fedorows Warnung unterscheidet sich dadurch, dass sie stärker nach innen gerichtet ist: Sein Hauptproblem ist die Leistungsfähigkeit des Staates selbst.
Für Deutschland und andere europäische Unterstützer ist genau das relevant. Militärhilfe entfaltet nur dann Wirkung, wenn Kiew sie mit eigener Produktion, Mobilisierung und einer funktionierenden Befehlskette verbinden kann. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Fedorows Diagnose zu einem politischen Gegenentwurf wird oder vor allem ein Ausdruck des Bruchs zwischen einem früheren Minister und der Führung in Kiew bleibt.