Das neue europäische Entry/Exit System wird für Reisende an großen Flughäfen zunehmend spürbar. Nach Daten von Qsensor, über die die Financial Times berichtet, erreichte die maximale Wartezeit an der Passkontrolle in Frankfurt im Juli 120 Minuten. Ein Jahr zuvor lag der Spitzenwert bei 60 Minuten. In München stieg er von 31 auf 60 Minuten, in Amsterdam von 80 auf 120 Minuten.
Dabei handelt es sich um Spitzenwerte und nicht um die durchschnittliche Wartezeit jedes Fluggastes. Trotzdem zeigen sie, wie empfindlich die Grenzkontrolle auf hohe Ankunftswellen reagiert. Der Flughafenverband ACI Europe berichtete Anfang Juli sogar von Wartezeiten bis zu fünf Stunden an einzelnen Standorten. Verpasste Anschlüsse und Störungen im Flugbetrieb seien bereits die Folge gewesen.
Das EES ist seit dem 10. April 2026 an den Außengrenzen von 29 europäischen Staaten vollständig in Betrieb. Es erfasst Drittstaatsangehörige bei Kurzaufenthalten elektronisch und ersetzt den bisherigen Passstempel. Beim ersten Grenzübertritt seit Einführung des Systems werden Reisedokument- und Personendaten gespeichert. Visumfreie Reisende geben zusätzlich ein Gesichtsbild und vier Fingerabdrücke ab. Bei Inhabern eines Kurzzeitvisums liegen die Fingerabdrücke bereits im Visa-Informationssystem vor.
Für Deutschland ist der Effekt besonders sichtbar, weil Frankfurt und München zu den wichtigsten internationalen Drehkreuzen gehören. Fraport warnte bereits vor den Sommerferien davor, mehr Zeit für die Grenzkontrolle einzuplanen. Die strengeren Erfassungsanforderungen des EES könnten die Abfertigung von Drittstaatsangehörigen verlängern. Das betrifft etwa Reisende aus Großbritannien, den USA oder der Ukraine, sofern sie für einen Kurzaufenthalt einreisen und keine entsprechende Aufenthaltserlaubnis besitzen.
Wer bereits im EES registriert ist, soll bei späteren Reisen schneller durch die Kontrolle kommen. Die biometrischen Daten sind dann vorhanden und werden in der Regel nur noch überprüft. Die Europäische Kommission bezifferte die durchschnittliche Registrierungszeit bei der vollständigen Einführung auf rund 70 Sekunden. In einem voll besetzten Ankunftsbereich summieren sich diese Sekunden jedoch schnell.
Die Flughäfen versuchen, ihre Kapazität technisch zu erhöhen. Schiphol hat nach eigenen Angaben 161 EES-Selbstbedienungskioske installiert und zusätzliche Passenger Assistants eingesetzt. Doch Kioske lösen das Problem nur, wenn auch die dahinterliegenden IT-Systeme stabil sind, genügend Grenzbeamte bereitstehen und die automatisierten Kontrollspuren verfügbar sind.
Auch die rechtliche Flexibilität spielt eine Rolle. Während starker Überlastung konnten einzelne biometrische Anforderungen vorübergehend gelockert werden. Die Financial Times berichtet, dass mehrere Staaten und die Schweiz eine Verlängerung dieser Möglichkeiten über September hinaus anstreben. Für Deutschland wäre das relevant, weil sich die Belastung an den großen Hubs sonst nur durch zusätzliche dauerhafte Kapazität abfedern ließe.
Für Reisende bleibt deshalb ein praktischer Rat: Wer aus einem Nicht-EU-Staat nach Deutschland kommt und erstmals unter EES registriert wird, sollte insbesondere in Frankfurt und München deutlich mehr Zeit einplanen. Ob die zweistündigen Spitzenwerte nach dem Sommer zurückgehen, hängt nun davon ab, wie schnell Technik, Personal und Regeln an die Realität des Passagierverkehrs angepasst werden.