Bundeskanzler Friedrich Merz ist am Donnerstag an das Gymnasium zurückgekehrt, an dem er vor 51 Jahren sein Abitur abgelegt hat. Anlass ist das 100-jährige Bestehen des Friedrich-Spee-Gymnasiums in Rüthen im Sauerland. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Ehemalige erzählen» spricht der Kanzler hinter verschlossenen Türen mit Schülern. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, damit offen geredet werden kann.
Es ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des Bundeskanzlers: seine Abiturnote. «Mein Abiturzeugnis liegt bei mir zu Hause im Tresor und kommt auch nicht raus», sagte der 70-Jährige Anfang vergangenen Jahres scherzhaft im «Zeit»-Podcast «Alles gesagt?». Als Begründung führte er an: «Ich habe mittlerweile Enkelkinder, die auf die Schule gehen, und ich möchte, dass denen die Motivation erhalten bleibt.» Auf Nachfragen verriet er dann doch, dass sein Abi-Schnitt «ganz unten» liege. Als die Zahl 3,8 fiel, sagte er: «Gehen Sie mal davon aus, dass es in dieser Bandbreite war.» Auf die ungläubige Rückfrage «3,8?» antwortete er nur: «So, lassen wir es dabei.» 3,8 ist so ziemlich die schlechteste Note, die man beim Abitur erreichen kann, ohne durchzufallen.
Merz hatte nach eigener Aussage «keinen Bock» auf Schule. In dem Podcast sprach er von fehlender Disziplin und «echten Motivationsproblemen». Sein Freundeskreis habe ihn «eher zusätzlich demotiviert». Nach einmal Sitzenbleiben und einem Schulwechsel wegen Disziplinlosigkeit erreichte er mit 19 Jahren am Friedrich-Spee-Gymnasium doch noch die allgemeine Hochschulreife. Auch die Lehrer hätten nicht zur Motivation beigetragen. «Wir hatten noch Lehrer, die Weltkriegsteilnehmer waren. Einer der Lehrer warf beständig mit seinem schweren Schlüsselbund durch die Klasse», erzählte Merz über seine Grundschulzeit in den 1960er Jahren. Es habe damals noch die Prügelstrafe gegeben. Er selbst sei «mit dem Stöckchen auf die Finger und auf den Hintern» geschlagen worden, in der dritten Klasse. Erst 1973 wurde die Prügelstrafe in fast allen Bundesländern verboten, nur in Bayern gab es sie noch einige Jahre länger.
Vielleicht waren es diese eigenen Erfahrungen, die Merz 2005 nach seinem zwischenzeitlichen Ausscheiden aus der Politik dazu bewogen, zusammen mit seiner Frau die Friedrich und Charlotte Merz-Stiftung zu gründen. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, jungen Menschen aus sozial schwachen Familien mit besonderen Projekten in Schule und Ausbildung zu helfen. Als Kanzler will er sich nun auch persönlich stärker in der Bildungspolitik engagieren. Er sehe es als «eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Aufgabe unserer Gesellschaft» an, dass Kinder und Jugendliche eine gute Ausbildung bekommen, sagte er vergangene Woche bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises in Berlin.
Bei dieser Veranstaltung wirkte Merz aufgekratzt. Lehrkräfte bezeichnete er als «die wichtigste Berufsgruppe» des Landes. «Wir vertrauen Ihnen das Wertvollste an, was wir haben. Das sind unsere Kinder», sagte er als Vater und Großvater. Die anwesenden Schülerinnen und Schüler lobte er für ihren Enthusiasmus, der ihm selbst gefehlt habe: «Ich freue mich, wenn ich diese strahlenden, optimistischen Gesichter von Euch sehe.» Auf die Frage der Moderation, ob er angesichts dieser positiven Eindrücke nicht selbst noch einmal Lust auf Schule bekomme, verschränkte der Kanzler die Arme und sagte: «Ehrlich gesagt, ich hatte dazu selten Lust» – als Schüler. Als Kanzler werde er nun aber wieder mehr in die Schulen gehen. Was er beim Schulpreis gesehen habe, sei für ihn «eine großartige Motivation». Als er den Preis an die Bertha-von-Suttner-Gesamtschule aus Mörfelden-Walldorf in Hessen übergab und ihm mehrere Lehrerinnen um den Hals fielen, kamen ihm kurz die Tränen.