Anthropic könnte beim geplanten Börsengang eine neue Größenordnung für KI-Unternehmen setzen. Nach Angaben der Financial Times erwarten mehrere Investoren des Claude-Entwicklers eine Bewertung von mindestens 2 Billionen Dollar, falls das Unternehmen wie erwartet im Herbst an die Börse geht.
Fest steht bislang nur der formale Schritt zum Kapitalmarkt. Anthropic teilte am 1. Juni mit, einen Entwurf des S-1-Registrierungsdokuments vertraulich bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht zu haben. Weder die Zahl der angebotenen Aktien noch ihr Preis sind festgelegt. Auch der Zeitpunkt hängt nach Angaben des Unternehmens von den Marktbedingungen ab.
Die letzte bestätigte Bewertung stammt vom 28. Mai. Damals nahm Anthropic in einer Series-H-Runde 65 Milliarden Dollar auf und wurde nach dem Investment mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Eine Bewertung von 2 Billionen Dollar beim Börsengang würde diesen Wert innerhalb weniger Monate mehr als verdoppeln.
Die Investoren begründen ihren Optimismus vor allem mit dem Tempo der Umsätze. Anthropic erklärte im Mai, der annualisierte Umsatzlauf habe 47 Milliarden Dollar überschritten. TechCrunch berichtete, Ende 2025 habe dieser Wert noch bei rund 9 Milliarden Dollar gelegen.
Ein solcher Run Rate ist kein vollständig verbuchter Jahresumsatz. Er rechnet das jüngste Verkaufstempo auf zwölf Monate hoch. Bei einem Unternehmen, das sehr schnell wächst, zeigt die Kennzahl die aktuelle Dynamik besser als ein alter Jahreswert. Sie hängt aber davon ab, dass sich das jüngste Tempo wenigstens annähernd fortsetzt.
Die Financial Times schreibt, Anthropic-Investoren erwarteten bis Ende 2026 einen annualisierten Umsatz von 100 bis 120 Milliarden Dollar. Anthropic selbst hat diese Spanne bislang nicht als öffentliche Prognose ausgegeben. Sie gehört damit in die Modelle der Anteilseigner, nicht in die bestätigten Unternehmenszahlen.
Ein Investor legte noch eine Stufe drauf. Bei einem Wachstum von ungefähr 800 Prozent hielt er ein Umsatzmultiple von rund 30 für denkbar. Auf Basis von 100 Milliarden Dollar annualisiertem Umsatz ergäbe das etwa 3 Billionen Dollar. Diese Rechnung ist jedoch ein Szenario und keine Zielbewertung, die Anthropic oder die beteiligten Banken festgelegt hätten.
Für Anleger im deutschsprachigen Raum ist die Geschichte vor allem deshalb relevant, weil sie einen neuen Bewertungsmaßstab für den globalen Technologiemarkt schaffen könnte. Anthropic verkauft Claude zunehmend an Unternehmen und beschreibt die Nutzung in betrieblichen Kernprozessen als wichtigen Wachstumstreiber. Gleichzeitig ist der Aufbau von KI-Modellen kapitalintensiv.
Das Unternehmen will einen Teil der neuen 65 Milliarden Dollar in zusätzliche Rechenkapazität investieren. Weitere Mittel sollen Produkte, Partnerschaften sowie Forschung zu Sicherheit und Interpretierbarkeit finanzieren. Der Börsenwert muss deshalb nicht nur schnelles Umsatzwachstum, sondern auch hohe Infrastrukturkosten einpreisen.
Sollte Anthropic den Börsengang fortsetzen, wird der öffentliche S-1-Prospekt zum entscheidenden Dokument. Dann werden Anleger mehr über tatsächliche Umsätze, Kosten, Risiken und Kapitalbedarf erfahren. Bis dahin sind 965 Milliarden Dollar die letzte bestätigte Bewertung; 2 Billionen und 3 Billionen Dollar bleiben Erwartungen unterschiedlicher Investoren.