Die mögliche Börsenbewertung von Anthropic lässt sich nur verstehen, wenn man bestätigte Zahlen und Erwartungen voneinander trennt. Bestätigt sind eine private Bewertung von 965 Milliarden Dollar, ein Umsatz-Run-Rate von mehr als 47 Milliarden Dollar im Mai und die vertrauliche Einreichung eines S-1-Entwurfs bei der US-Börsenaufsicht.
Die Zahl von 2 Billionen Dollar kommt dagegen von Investoren. Die Financial Times berichtet, dass etwa ein halbes Dutzend Anteilseigner eine Bewertung in dieser Größenordnung oder darüber erwarten, falls der Entwickler von Claude im Oktober an die Börse geht. Das Management habe bislang keine endgültige Zielbewertung festgelegt.
Anthropic selbst hat am 1. Juni bestätigt, die Unterlagen für einen möglichen Börsengang vertraulich eingereicht zu haben. Die Zahl der Aktien und der Ausgabepreis stehen noch nicht fest. Das Unternehmen weist außerdem darauf hin, dass ein IPO von den Marktbedingungen und weiteren Faktoren abhängt.
Nur wenige Tage zuvor hatte Anthropic eine enorme private Finanzierungsrunde abgeschlossen. Für 65 Milliarden Dollar neues Kapital wurde das Unternehmen nach dem Investment mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Das ist die letzte offizielle Preisreferenz und liegt knapp unter einer Billion Dollar.
Warum sollen Anleger wenige Monate später mehr als das Doppelte bezahlen? Der wichtigste Grund ist die Geschwindigkeit des Umsatzwachstums. Anthropic meldete im Mai einen Run Rate von über 47 Milliarden Dollar. TechCrunch zufolge lag der Wert Ende 2025 noch bei etwa 9 Milliarden Dollar.
Ein Run Rate ist allerdings kein Jahresabschluss. Die Kennzahl rechnet ein aktuelles Umsatztempo auf ein volles Jahr hoch. In einer Wachstumsphase kann sie die aktuelle Geschäftslage besser abbilden als ein zurückliegendes Geschäftsjahr, sie kann aber ebenso schnell an Aussagekraft verlieren, wenn das Wachstum nachlässt.
Investoren erwarten laut Financial Times bis Jahresende einen annualisierten Umsatz von 100 bis 120 Milliarden Dollar. Diese Spanne ist bislang keine offizielle Prognose von Anthropic. Sie ist eine Annahme, auf der die hohen Bewertungsmodelle aufbauen.
Einer der Investoren kombinierte ein Wachstum von etwa 800 Prozent mit einem Umsatzmultiple von rund 30. Auf 100 Milliarden Dollar angewandt ergibt das ungefähr 3 Billionen Dollar. Die Rechnung zeigt, wie die höchste Bewertung zustande kommt. Sie zeigt aber nicht, dass der Markt diese Prämie tatsächlich zahlen wird.
Anthropic verweist bei seinem Wachstum auf die zunehmende Nutzung von Claude durch Unternehmen und Berufstätige. Gleichzeitig soll ein Teil des neuen Kapitals in Rechenleistung fließen. KI-Modelle können ihre Softwareumsätze stark skalieren, benötigen dafür aber eine teure technische Infrastruktur.
Genau dieses Verhältnis wird ein Börsengang sichtbar machen. Ein öffentlicher S-1-Prospekt sollte mehr Informationen zu Umsatz, Kosten und Risiken liefern. Erst dann lässt sich beurteilen, ob 2 Billionen Dollar eine plausible Marktgröße oder vor allem Ausdruck der derzeitigen KI-Euphorie sind.