Die Reaktion auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt hat sich binnen weniger Stunden über mehrere Bundesländer verteilt. Am Sonntagabend fanden Proteste in Hamburg, Frankfurt, Berlin, Mainz und weiteren Städten statt. Für Montag und die kommenden Tage sind zusätzliche Aktionen in Berlin, Rostock, Köln und Leipzig angekündigt.
Der unmittelbare politische Anlass ist eindeutig: Die AfD kam bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis auf 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Damit liegt sie weit vor allen anderen Parteien. Noch während die Hochrechnungen veröffentlicht wurden, begannen in mehreren Städten Kundgebungen.
Besonders groß war die Beteiligung in Frankfurt am Main. Auf dem Römerberg versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 2.000 Menschen, die Veranstalter nannten 2.500. Nach der Kundgebung zog ein Demonstrationszug durch die Innenstadt. Ein Schwerpunkt der Reden war die Forderung, ein Verbotsverfahren gegen die AfD prüfen zu lassen.
In Hamburg zählte die Polizei am Ende rund 1.500 Demonstrierende. Ursprünglich waren nur 500 angemeldet. Die Teilnehmer zogen von der Reesendammbrücke durch die Innenstadt und passierten auch Büros der AfD. Der Protest richtete sich gegen einen Rechtsruck und gegen Faschismus.
Die Zahl von 1.500 steht allerdings im Kontrast zu älteren Hamburger Großdemonstrationen, die noch in vielen Chroniken und sozialen Netzwerken auftauchen. Am 17. Januar 2025 protestierten mehr als 10.000 Menschen gegen einen Besuch von Alice Weidel. Am 22. Februar 2025 lagen die Teilnehmerzahlen bei zwei zusammengeführten Kundgebungen gegen einen Rechtsruck laut Polizei zeitweise bei rund 40.000. Wer heute von „mehr als 10.000 in Hamburg“ spricht, vermischt daher wahrscheinlich verschiedene Termine.
Berlin blieb am Wahlabend zunächst kleiner. Ein Demonstrationszug durch das Regierungsviertel erreichte nach Polizeiangaben eine Teilnehmerzahl im unteren dreistelligen Bereich. Eine weitere Gruppe versammelte sich am Brandenburger Tor. Genau dort soll am Montagabend ab 18 Uhr die nächste größere Aktion stattfinden. Für den „NoAfD-Protest“ rechnet die Polizei mit bis zu 5.000 Menschen.
In Mainz kamen etwa 50 Menschen vor dem Staatstheater zusammen. Deutschlandfunk nannte außerdem Kiel und Aachen als Orte von Protesten nach der Wahl. In Sachsen-Anhalt selbst waren die Demonstrationen enger mit dem Wahlgeschehen verbunden. In Halle versammelten sich am Steintor rund 1.000 Menschen. In Magdeburg hatte bereits am Samstag, einen Tag vor der Wahl, ein Demokratiefest Tausende mobilisiert; die Polizei zählte bei den Zubringerdemonstrationen rund 6.000 Teilnehmer.
Weitere Termine zeigen, dass die Proteste nicht auf den Wahlabend begrenzt bleiben. Rostock hat für Montag um 18.30 Uhr eine Kundgebung am Kröpeliner-Tor-Vorplatz genehmigt. Angemeldet sind bis zu 300 Menschen. In Köln ruft „Köln stellt sich quer“ für Dienstag um 17 Uhr auf dem Heumarkt zu einer Demonstration auf. In Leipzig bereitet das Netzwerk „Leipzig nimmt Platz“ eine Aktion für das kommende Wochenende vor.
Die Proteste haben dabei keinen einheitlichen organisatorischen Kern. Gewerkschaften, lokale Bündnisse und antifaschistische Initiativen setzen unterschiedliche Akzente. Gemeinsam ist vielen Aufrufen die Ablehnung einer politischen Normalisierung der AfD. Manche Veranstaltungen fordern zusätzlich eine rechtliche Prüfung eines Parteiverbots, andere konzentrieren sich auf Demokratie, Menschenwürde und die sogenannte Brandmauer zu der Partei.
Ob die Bewegung an die sehr großen Anti-Rechts-Demonstrationen der Jahre 2024 und 2025 anschließen kann, ist derzeit offen. Die bisherigen Zahlen nach der Wahl liegen deutlich darunter. Entscheidend werden die nächsten Tage: Berlin ist der erste größere Test, danach folgen Köln und Leipzig. Erst dann lässt sich einschätzen, ob aus den spontanen Reaktionen eine neue bundesweite Protestwelle mit dauerhaft hohen Teilnehmerzahlen entsteht.