Jamie Dimon hat die Debatte über den Dollar auf eine ungewöhnlich einfache Formel gebracht: Wenn die Vereinigten Staaten in 25 Jahren nicht mehr die stärkste Volkswirtschaft und Militärmacht sind, werden sie nach seiner Einschätzung auch nicht mehr die wichtigste Reservewährung stellen. Damit geht es nicht um einen kurzfristigen Wechselkurs, sondern um die Fähigkeit eines Landes, über Jahrzehnte Vertrauen, Wachstum und politische Stabilität zu liefern.
Diese Warnung trifft Präsident Donald Trump an einem empfindlichen Punkt. Trump versprach im Wahlkampf ausdrücklich, den Dollar als Weltreservewährung zu sichern. Das Weiße Haus erklärte 2025, seine Politik habe die Dollar-Dominanz bereits gestärkt. Aktuelle Zahlen widersprechen zumindest nicht der Aussage, dass der Dollar weiter dominiert: Der IWF bezifferte seinen Anteil an den weltweiten Devisenreserven im ersten Quartal 2026 auf 57,13 Prozent. Das ist mehr als im Vorquartal.
Dennoch verändert Trumps Politik mehrere Grundlagen dieser Dominanz. Die erste ist die Staatsverschuldung. Im Juli 2025 unterzeichnete der Präsident ein umfangreiches Steuer- und Ausgabengesetz. Das unabhängige Congressional Budget Office berechnet, dass dieses Gesetz die Defizite von 2026 bis 2035 unter Einbeziehung von Wirtschafts- und Zinseffekten um rund 4,7 Billionen Dollar erhöht. Für das laufende Haushaltsjahr erwartet das CBO ein Defizit von 1,9 Billionen Dollar.
Die Regierung argumentiert, niedrigere Steuern und zusätzliche Investitionen stärkten Wachstum, Unternehmen und Verteidigung. Das CBO sieht tatsächlich einen positiven Wachstumseffekt im Jahr 2026. Zugleich steigen aber Schulden und Zinskosten. Bis 2036 soll die öffentlich gehaltene Bundesschuld 120 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen. Der besondere Vorteil der USA besteht darin, dass Investoren weltweit weiterhin bereit sind, große Mengen amerikanischer Staatsanleihen zu kaufen. Gerade deshalb ist Vertrauen in die langfristige Finanzpolitik so wichtig.
Die zweite Veränderung betrifft den Handel. Trump setzt Zölle als zentrales Druckmittel ein. Von 24. Februar bis 24. Juli galt in diesem Jahr ein breit angelegter temporärer Importaufschlag von zehn Prozent; andere Zölle bleiben bestehen. Das CBO kommt zu einem gemischten Ergebnis: Höhere Zölle bringen dem Staat viel Geld und reduzieren die Defizite, belasten aber gleichzeitig das Wachstum.
Dimon ist dabei kein grundsätzlicher Gegner Trumps. Er hält es für richtig, strategische Abhängigkeiten von China bei seltenen Rohstoffen, Halbleitern und anderen kritischen Gütern zu reduzieren. Zölle können nach seiner Ansicht Verhandlungspartner an den Tisch bringen. Entscheidend sei aber, am Ende ein stabiles und verlässliches System zu schaffen, in dem die USA und ihre Verbündeten wirtschaftlich stärker werden.
Genau hier liegt eine mögliche Schwachstelle von Trumps Ansatz. In seinem Aktionärsbrief 2025 warnte Dimon, dass zerfallende Beziehungen zwischen den USA und ihren Verbündeten Amerika isolieren könnten. In einem solchen Szenario könne der Dollar langfristig seine Reservefunktion verlieren. Die Macht der Währung hängt demnach auch davon ab, wie attraktiv das amerikanisch geführte Wirtschaftsnetz für andere Staaten bleibt.
Die dritte Ebene ist institutionell. Dimon verteidigte im Januar die Unabhängigkeit der Federal Reserve. Die Trump-Regierung führte zugleich einen Konflikt mit der Notenbank, der bis vor den Supreme Court ging. Im Juni stoppte das Gericht vorerst Trumps Versuch, Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen. Für Anleger ist eine unabhängige Zentralbank ein Teil des Versprechens, dass Geldpolitik nicht nach kurzfristigen politischen Interessen gesteuert wird.
Es wäre deshalb falsch zu sagen, Trump habe den Reservedollar bereits verloren. Die Daten zeigen das Gegenteil: Die USA besitzen weiterhin einen enormen Vorsprung. Aber Trump hat selbst versprochen, diesen Vorsprung zu bewahren. Dimons Warnung zeigt, woran das gemessen werden wird: an einer tragfähigen Verschuldung, wirtschaftlichem Wachstum, belastbaren Allianzen und Institutionen, denen Kapitalmärkte auch dann vertrauen, wenn die politische Führung wechselt.