Für Deutschland und die Schweiz ist der Status des US-Dollars keine abstrakte amerikanische Machtfrage. Er bestimmt die Finanzierung internationaler Unternehmen, die Bewertung von Rohstoffen, die Nachfrage nach Staatsanleihen und einen erheblichen Teil der Kapitalströme in Europa. Deshalb ist die Warnung von JPMorgan-Chef Jamie Dimon relevant: Sollten die USA in 25 Jahren nicht mehr die stärkste Volkswirtschaft und Militärmacht sein, könnten sie nach seiner Einschätzung auch den Status der wichtigsten Reservewährung verlieren.
Von einem aktuellen Verlust dieses Status kann keine Rede sein. Nach den jüngsten Daten des Internationalen Währungsfonds entfielen im ersten Quartal 2026 57,13 Prozent der weltweiten Devisenreserven auf den Dollar. Der Anteil stieg gegenüber dem Vorquartal sogar. Der Euro lag bei rund 20 Prozent. Die Frage lautet also nicht, ob der Dollar bereits verdrängt wurde, sondern ob die politischen Entscheidungen in Washington seine langfristigen Grundlagen stärken oder schwächen.
Donald Trump hat die Messlatte selbst gesetzt. Im Wahlkampf versprach er, den Dollar als Weltreservewährung zu erhalten und seine Stellung zu stärken. Das Weiße Haus erklärte später, dieses Ziel sei durch wachstumsorientierte Politik, härtere Handelsabkommen und neue Regeln für Dollar-Stablecoins erreicht worden. Gleichzeitig hat Trumps zweite Amtszeit mehrere strukturelle Veränderungen gebracht, die für internationale Anleger entscheidend sind.
Am deutlichsten ist die Fiskalpolitik. Trump unterzeichnete im Juli 2025 das große Steuer- und Ausgabengesetz Public Law 119-21. Das Congressional Budget Office schätzt inzwischen, dass dieses Gesetz die Defizite in den Jahren 2026 bis 2035 einschließlich makroökonomischer Effekte und zusätzlicher Zinskosten um etwa 4,7 Billionen Dollar erhöht. Für 2026 erwartet das CBO ein Defizit von 1,9 Billionen Dollar; die öffentlich gehaltene Bundesschuld soll bis 2036 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.
Für Europa ist das relevant, weil US-Staatsanleihen den globalen Kapitalmarkt prägen. Steigen deren Renditen dauerhaft, wirkt das auf Finanzierungskosten in Deutschland und auf den Schweizer Franken ebenso wie auf Unternehmensanleihen und Wechselkurse. Der Reservewährungsstatus erlaubt den USA eine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach ihren Schuldtiteln. Je größer die Verschuldung wird, desto wertvoller wird dieses Vertrauen.
Auch Trumps Zollpolitik verändert die Beziehungen. Von Ende Februar bis 24. Juli galt 2026 ein breiter temporärer US-Importaufschlag von zehn Prozent; weitere Zölle bleiben Teil der Handelsstrategie. Das CBO rechnet mit erheblichen zusätzlichen Einnahmen, sieht aber zugleich einen Wachstumsdämpfer. Dimon lehnt Zölle nicht grundsätzlich ab. Er hält gezielte Maßnahmen für strategische Industrien und eine geringere Abhängigkeit von China für sinnvoll. Gleichzeitig fordert er stabile Regeln und wirtschaftlich starke Verbündete.
Gerade dieser Punkt betrifft Deutschland besonders. Dimon schrieb 2025, die amerikanische Außenwirtschaftspolitik müsse die USA und ihre wichtigsten Verbündeten gleichzeitig stärken. Zerfielen die wirtschaftlichen Beziehungen des Westens, könne Amerika isolierter werden und der Dollar langfristig seine Reservefunktion verlieren. Für exportorientierte deutsche Unternehmen ist damit nicht nur die Höhe einzelner Zölle entscheidend, sondern ob sich ein verlässlicher transatlantischer Wirtschaftsraum erhält.
Hinzu kommt die Federal Reserve. Dimon verteidigte Anfang 2026 öffentlich deren Unabhängigkeit. Die Trump-Regierung versuchte zugleich, stärkeren Einfluss auf die Notenbank zu nehmen; der Supreme Court stoppte im Juni vorerst die Entlassung von Fed-Gouverneurin Lisa Cook. Für internationale Investoren gehört eine politisch unabhängige Geldpolitik zu der institutionellen Qualität, die Dollar-Anlagen attraktiv macht.
Trumps Kurs enthält also zwei gegensätzliche Kräfte. Mehr Verteidigungsfähigkeit und strategische Produktion können die amerikanische Machtbasis stärken. Größere Defizite, anhaltende Handelskonflikte und Zweifel an institutionellen Grenzen können die Vertrauensprämie schwächen. Der Dollar dominiert heute weiterhin. Ob das so bleibt, hängt auch davon ab, ob Washington seine wirtschaftliche Stärke gemeinsam mit seinen Partnern ausbaut oder sie gegeneinander ausspielt.