Europa hat bei Patriot inzwischen weniger ein Finanzierungsproblem als ein Zeitproblem. Die Ukraine benötigt vor dem Winter Hunderte Abfangraketen, doch neue Bestellungen brauchen lange bis zur Auslieferung. Ein Politico zugeschriebener Bericht beschreibt deshalb wachsenden Druck auf die europäischen Vorräte und nennt Deutschland, Polen, Spanien und Griechenland als Staaten, die ihre eigenen Bestände nicht zu stark abbauen wollen.
Der Bedarf der Ukraine ist ungewöhnlich hoch. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius bezifferte ihn für vier Wintermonate auf rund 700 PAC-2- und PAC-3-Raketen. Lockheed Martin lieferte 2025 insgesamt 620 PAC-3 MSE. Schon diese beiden Zahlen zeigen, warum die bisherige Produktionsstruktur an ihre Grenzen gerät: Ein einzelner Krieg kann innerhalb weniger Monate Mengen benötigen, die früher einem Jahresausstoß entsprachen.
Die Industrie reagiert. Lockheed Martin will die jährliche PAC-3-MSE-Kapazität in einer siebenjährigen Vereinbarung von ungefähr 600 auf 2.000 erhöhen. RTX baut parallel die GEM-T-Produktion aus. Deutschland finanziert für die Ukraine einen Vertrag über mehrere Hundert Patriot-Raketen, und das neue Werk in Schrobenhausen soll zu einem wichtigen Teil der europäischen Lieferkette werden.
Diese Investitionen lösen jedoch die unmittelbare Lücke nicht. Deshalb bat die Ukraine Anfang Juli fast 40 Partner, Raketen aus vorhandenen Beständen zu liefern und sich später aus bereits vertraglich gesicherter Produktion auffüllen zu lassen. Für Geberstaaten ist das keine kostenlose Entscheidung. Sie behalten zwar den Anspruch auf Ersatz, haben aber für eine gewisse Zeit weniger Munition für die eigene Luftverteidigung.
Gerade Deutschland und Polen betrachten die Raketenabwehr vor dem Hintergrund der russischen Bedrohung an der NATO-Ostflanke. Spanien und Griechenland haben ebenfalls nationale Aufgaben und eigene Patriot-Systeme. Der Konflikt liegt damit nicht zwischen „Hilfe“ und „keine Hilfe“, sondern zwischen zwei Sicherheitszeiträumen: dem akuten Schutz der Ukraine heute und der Vorsorge für eine mögliche spätere Eskalation auf Bündnisgebiet.
Die Ukraine argumentiert, dass russische Raketen am wirksamsten dort bekämpft werden, wo sie jetzt eingesetzt werden. Die Dringlichkeit wurde Anfang August sichtbar, als bei einem schweren Angriff auf Kiew die ballistischen Raketen nicht abgefangen wurden. Financial Times berichtete über kritisch niedrige Patriot-Bestände und deutlich geringere westliche Lieferungen.
Für die europäische Planung folgt daraus eine zweite Aufgabe neben dem Ausbau der Fabriken: Bestände müssen groß genug sein, um Krisentransfers überhaupt zu erlauben. Wer dauerhaft nur den minimalen nationalen Bedarf lagert, hat im Ernstfall kaum Spielraum. Die aktuelle Debatte dürfte deshalb auch künftige Vorratsziele verändern, selbst wenn die laufenden Produktionsprogramme erst schrittweise Wirkung zeigen.
Russland erhöht zugleich den Verbrauchsdruck. Nach Angaben der Financial Times vom 11. August produziert Moskau ungefähr 70 ballistische Raketen pro Monat und setzte im Vormonat 198 ein. Sollte sich der Schwerpunkt der Angriffe im Winter wieder auf Energieanlagen verlagern, wird die europäische Entscheidung über Lagerbestände unmittelbar Folgen für ukrainische Städte haben. Neue Fabriken sind die strategische Antwort. Für die nächsten Monate bleibt die entscheidende Frage aber, wer bereit ist, bereits produzierte Raketen aus dem eigenen Bestand abzugeben.